Wiesen, was seid ihr würzig

Isabell-Carolyn Schulz Harry Soremski

In einem kleinen Salon im beschaulichen Grebenstein steht eine lange Tafel, auf dem Tisch liegt eine weiße Tischdecke mit ebenso schlichtem Geschirr darauf. Ist dieser Anblick zunächst nichts Ungewöhnliches, geschieht beim Eintreten ein wilder Zauber der Sinne: Herbe, erdige und zugleich blumige, frische Düfte dringen
in die Nase. Eine natürliche Farbenpracht, die von sattem Grün dominiert wird, zieht sofort die Blicke auf sich.

Wir befinden uns im Kräutersalon von Annette Zimmermann, die dort mehrmals im Monat ihren Tisch für 10 bis 20 Personen eindeckt und Gastgeberin spezieller Menüs mit sieben unterschiedlichen Gängen ist. Im Zentrum der selbstzubereiteten, feinsinnigen Speisen stehen dabei essbare Wildkräuter und heimische Heilpflanzen. „In einem Menü verwende ich bis zu 18 verschiedene Kräuter, die ich auf die unterschiedlichsten Weisen zubereite“, erzählt die gebürtige Hofgeismarerin.

Vom Löwenzahn brät die selbsternannte Kräuterfrau gern die Knospen in heißem Fett an. Mit Tempura, einem Teig aus der japan-ischen Küche, überzieht sie Brennesselblätter und lässt diese knusprig wie Kartoffelchips werden. Aus Beinwell formt die Kräuterfrau Röllchen, die mit einer würzigen Käsecreme gefüllt und auf Mayonnaise drapiert werden, die ihrerseits mit kräftigen Bärlauchblüten aromatisiert ist.

„Die bekannten ‘bunten Tütchen’ braucht man gar nicht zu benutzen, die Natur hat genug geschmackvolles zu bieten, um Speisen zu würzen. Brennesseln sind wunderbare Färbepflanzen für Teigwaren und neben Giersch, der als Wildgemüse unschlagbar vielseitig ist, geschmackvoll zu Frittieren“, sagt die gelernte Gartenbau-
Technikerin.

Bei Kräuterwanderungen führt Annette Zimmermann durch das Warme- und Diemeltal, erkundet mit den Essensgästen saisonabhängig bestimmte Kräuter an ihrem Standort und sammelt einige davon für den Verzehr. Zum Großteil stammen die natürlichen Zutaten der ausgefallenen Menüs der selbstständigen Kräuterfrau aber aus eigener Ernte aus ihrem wilden Gartenland in Grebenstein. Dort befindet sich auf nur einem halben Quadratmeter mit Giersch, Kohldistel, Taubnessel, Gundermann oder großer Pastinake eine hohe Artenvielfalt.

„Die bekannten ‘bunten Tütchen’ braucht man gar nicht zu benutzen. Die Natur hat genug Geschmackvolles zu bieten, um Speisen zu würzen.“
Annette Zimmermann

In Kräuterwerkstatt-Kursen führt Annette Zimmermann in die heilende Kraft der Pflanzen ein und zeigt, wie man Schafgabensalbe und weitere Mittel für die Hausapotheke herstellt. „Schafgarbe wirkt blutstillend und wundheilend, aus der Pflanze kann man eine gute Heilsalbe machen. Beinwell tut bei Knochenbrüchen oder Quetschungen gut, während Johanniskraut stimmungsaufhellend und Minze verdauungsfördernd wirkt“, so Zimmermann.

Dabei möchte die Kräuterfrau niemanden heilen, vermittelt aber gern das Wissen dazu. Auch Blütensirup, Löwenzahnsenf, Wald und Wiesen Chutney aus japanischem Staudenknöterich und Brotaufstrich gibt es im Kräutersalon. „Eine einfache Erdbeermarmelade bekommt man bei mir nicht, ich mische immer eine bekannte Komponente mit einer wilden, wie dem  Mädesüß“, so die Kräuterfrau.

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