Weichen stellen für die Zukunft

Victor Deutsch Harry Soremski
NVV-Geschäftsführer Steffen Müller.

Noch wohnt Steffen Müller mit seiner Frau und der kleinen Tochter in Kassel. Bald steht der Umzug nach Ahnatal an, wo der 41-Jährige selbst einen Teil seiner Kindheit verbrachte. Nach einem Soziologie-Studium in Marburg und beruflichen Stationen in Bad Hersfeld und Wiesbaden arbeitet Steffen Müller seit Februar 2009 beim NVV.
Er war Prokurist und langjähriger Personalleiter. Seit dem 1. Oktober 2019 ist er der neue Geschäftsführer des Nordhessischen Verkehrsverbundes (NVV). Ein Interview.

2009 hatten Sie Ihren ersten Tag beim NVV – seit 1. Oktober sind sie dessen Geschäftsführer: Wie hat sich der NVV in diesen Jahren entwickelt?
In den zehn Jahren hat sich unglaublich viel getan. Kurz gesagt: Wir haben in Nordhessen aus einem Knäul von vielen Angeboten mit verschiedenen Qualitäten und jeweils unterschiedlichen Tickets ein gut funktionierendes, einheitliches, strukturiertes und komfortables Mobilitätsangebot gemacht, das alle Verkehrsmittel miteinander vernetzt und vor
allem auf die Bedürfnisse der Kunden zugeschnitten ist. Wichtig war schon in 2005 der Start der RegioTram als nicht mehr wegzudenkende Verknüpfung von Stadt und Land, außerdem der Bau von barrierefreien Haltestellen und Bahn-
höfen sowie die Reaktivierung und Modernisierung von Eisenbahnstrecken. Mit zeitgemäßer Fahrgastinformation in Echtzeit und der im Jahr 2006 von unserem Gründungs-Geschäftsführer Thomas Rabenmüller erdachten 5-Minuten-Garantie, aber auch mit neuen Qualitätsstandards für den Busverkehr, haben wir das Zug- und Busfahren deutlich
bequemer und verlässlicher gemacht. Darauf können und wollen wir uns aber nicht ausruhen.

Steffen Müller, Geschäftsführer des NVV, sitzt am Liebsten weit vorn bei seinen Busfahrten. Warum? „Da bekomme ich alles hautnah mit“.

Trotz aller organisatorischen Fragen. Wie sind Sie zum NVV gekommen? Denn es ist ja selten, dass der neue Chef aus dem eigenen Haus kommt. Gerne werden ja oft Externe genommen.
Mit dem NVV verbunden bin ich schon seit 18 Jahren, als ich mein Pflichtpraktikum im Studium dort absolvierte. Seitdem hat mich der NVV nicht mehr losgelassen (lacht). Und tatsächlich war er Ende 2003 meine erste befristete Arbeitsstelle nach dem Soziologie-Studium. Nach spannenden Stationen in Bad Hersfeld und Wiesbaden bin ich seit 2009 ununterbrochen beim Verbund. Erst im Marketing und seit 2011 als Personalchef. Vor vier Jahren wurde ich zum Prokurist berufen und bin damit in die Geschäftsleitung eingestiegen. Gesamtheitlich die Themen Nahverkehr, Netzwerken für Nordhessen und Personalführung anzugehen, hat mir immer Freude gemacht. Ich denke, dass ich damit überzeugen konnte.

Warum ist der NVV so wichtig für die Region?
Er verbindet: Das Dorf mit der Kleinstadt, die Kleinstadt mit der Großstadt, die Region mit den städtischen Teilen Nordhessens. Der NVV stiftet mit seinem Verkehrsangebot auch nordhessische Identität. Es lässt die Region näher zusammenrücken, erhöht die Attraktivität der Städte und Gemeinden und erweitert das Mobilitätsangebot für die Menschen, um an den Arbeitsplatz, zur Schule oder zum Einkaufen zu kommen. Das erhöht die Lebensqualität in Nordhessen und trägt dazu bei, dass einerseits die vorhandene Bevölkerung in der Region bleiben kann und sich
andererseits neue Einwohnerinnen und Einwohner niederlassen, die Leben und Kaufkraft in die Kommunen bringen.

Wie kann man mehr Städter dazu bringen, auf Bus und Bahn umzusteigen?
In Kassel sind schon viele Menschen mit dem öffentlichen Nahverkehr unterwegs und sorgen so jeden Tag dafür, dass weniger Autos auf den Straßen sind und die Luft sauberer wird. Dazu gehört auch die ideale Kombination der Verkehrsmittel. Wir kümmern uns verstärkt um den ersten und letzten Kilometer zur Haltestelle. Denken Sie an Elektro-Fahrräder. In der Kombination kann man auch auf dem Land das Auto stehen lassen. Ich benutze auch regelmäßig unser Familienauto. Das darf nicht verteufelt werden, aber darauf hinzuweisen, dass Bus & Bahn die besse-
ren Alternativen sind, ist in der jetzigen Zeit absolut notwendig. Grundsätzlich gilt für Stadt und Land, der öffentliche Nahverkehr muss einfach, verständlich und verlässlich sein, schnelle Reisezeiten haben und komfortabel sein. Da sind wir in Nordhessen insgesamt, auch im Vergleich mit anderen Regionen auf einem wirklich guten Weg.

Und wie kann man den ländlichen Raum künftig besser vernetzen?
Die attraktive Anbindung durch den öffentlichen Personennahverkehr spielt eine wichtige Rolle, um den ländlichen Raum zukünftig positiv zu entwickeln. Daran war der NVV immer interessiert und hat daran auch intensiv gearbeitet. Die Bus- und Schienenverbindungen in der Fläche sind immer weiter ausgebaut worden. Mit der im letzten Jahr von meinem Vorgänger Wolfgang Rausch begonnen Angebotsoffensive „Jedes Dorf – Jede Stunde“, mit dem Ziel jeden Ort in Nordhessen mindestens stündlich an die nächste größere Stadt oder den nächsten Bahnhof anzubinden, wird die Vernetzung vorangetrieben. Dazu gehören aber auch Projekte wie BikeXtra, bei dem das Elektro-Fahrrad den letzten Kilometer bis zum Bahnhof überwinden hilft oder neuartige, sogenannte flexible Bedienformen, die fahrplanlos verkehren. Ein solcher On-Demand-Verkehr wird jetzt in Melsungen unter dem Namen „Mobilfalt Melsungen“ getestet werden.

NVV-Geschäftsführer Steffen Müller.

Eine Glaubensfrage: Wäre die Königsstraße ohne Straßenbahn attraktiver?
Nein, die Königsstraße ist auch wegen der Tram seit fast 150 Jahren die Einkaufsmeile der Stadt. Seitdem prägt sie die Innenstadt und sorgt dort für eine starke Kaufkraft. Ohne Straßenbahn würde mir wirklich etwas fehlen. Darüber hinaus sichert die barrierefreie Erreichbarkeit der Königstraße auch die Teilhabe körperlich eingeschränkter Menschen und der immer größer werdenden Bevölkerungsgruppe der Senioren. Daher wird der NVV den Aus bau der Tram in Kassel weiter unterstützen.

Immer wieder wird ein kostenloser ÖPNV gefordert. Warum ist dies nicht möglich, und welche attraktiven Alternativen schlagen sie vor?
Es gibt keinen kostenlosen Nahverkehr! Der NVV hat im Jahr inklusive der Einnahmen aus Fahrkarten ein Budget von mehr als ein Viertel Milliarde Euro. Wenn eine der Finanzierungssäulen gekappt wird, muss jemand anders die bisher erbrachte Leistung übernehmen. Wenn alles aus Steuergeld bezahlt wird, gibt es Nahverkehr nach Haushaltslage und politischen Mehrheiten. Alle Erfahrungen mit kostenlosem Nahverkehr zeigen: Ein kostenloses aber schlechteres Angebot hilft niemandem weiter. Unsere Strategie ist deshalb eine andere: Angebot, Qualität und Zuver-
lässigkeit sind wichtiger als der Fahrpreis. Allerdings muss es für sozial benachteiligte Menschen Vergünstigungen geben. Das oft zitierte Beispiel Wien hat vor der Einführung des bekannten 365-Euro-Jahrestickets jahrzehntelang den Bus- und Bahnverkehr massiv ausgebaut. Und das beginnt jetzt erst bei uns, wie mit der Angebotsoffensive „Jedes Dorf – Jede Stunde“.

Der NVV bringt Theater, Musik und Poesie in seine Züge. Warum noch kein WLAN?
Die drei Zauberworte hier sind Netzabdeckung, Finanzierung und technische Entwicklung. Ich denke, dass wir es in drei bis vier Jahren flächendeckend in unseren Fahrzeugen anbieten können. Die Erfahrungen im RRX Richtung Westen bzw. in den Buslinien 100 und 500 zeigen, dass es sehr gut angenommen wird. Wir planen im nächsten Jahr die RegioTram-Strecke Richtung Wolfhagen mit WLAN auszurüsten. Wichtig aber ist, dass es wirklich Empfang gibt und wir den Service nachhaltig anbieten können. Da die technische Entwicklung beim Thema Netzabdeckung schnell vorangeht, hoffe ich, dass wir damit auch Lösungen in Regionen bekommen, in denen wir bisher keine guten Netzqualitäten haben.

Und wann werde ich ein Ticket wie einen Parkschein einfach per Handy lösen können?
Das geht schon seit 2012. Einfach die App herunterladen und los geht’s. Mit der App können Sie direkt die Einzelfahrkarten sowie MultiTickets, TagesTickets, WochenendTickets und Hessentickets kaufen. Und auch die Buchung über die Bahn-App ist ein Wunsch von mir, doch da haben wir noch nicht alle technischen Fragen geklärt.

Stichwort Mobilitätswende: Welche Rolle spielt dabei der NVV?
Wir sind die Lösung und nicht Teil des Problems! Der öffentliche Nahverkehr spielt bei der Klimadebatte eine große Rolle und ist dabei eine der wichtigsten Stellschrauben, um in der Stadt und auf dem Land die dringend notwendige Schadstoffreduzierung umzusetzen. Daher hat der NVV in den letzten Jahren sein Angebot kontinuierlich ausgebaut
und setzt aktuell eine Angebotsoffensive für die ländlichen Räume Nordhessens um, bei der zukünftig überall ein Stundentakt für mehr Mobilität sorgen wird. Die ersten Buslinien sind bereits umgestellt, weitere folgen zum Fahrplanwechsel. Umweltschonendes Verhalten wird im Zeichen des Klimawandels immer wichtiger: Der Beitrag, den der öffentliche Nahverkehr schon heute leistet, wird von vielen zwar gesehen, aber noch nicht in vollem Umfang genutzt. So werden im NVV CO2-Emissionen kontinuierlich reduziert. Zum Beispiel durch den Einsatz neuer Busse, die entsprechend der aktuellen Abgasnorm Euro 6, sehr wenig Schadstoffe emittieren. Viel wichtiger ist auch, dass wir
schon seit Jahrzehnten auf Elektromobilität setzen bei allen Strecken nach Göttingen, Bebra, Bad Hersfeld, Hofgeismar und Schwalmstadt. Und nicht zu vergessen sind unserer Kasseler Kollegen von der KVG. Die sind schon seit 121 Jahren erfolgreich elektrisch unterwegs. Kurzum: Wir haben unseren Job erledigt. Jetzt müssen LKW und Auto ihren Beitrag leisten.

Wenn es eine Verkehrsvision für Nordhessen Ihrerseits gibt: Wie sieht die aus?
Weniger Individualverkehr, mehr vernetzte, umweltfreundliche Mobilität mit Hilfe von digitalen Diensten, die einfach und verständlich aufgebaut sind und dem Fahrgast die Nutzung unserer Angebote erleichtern.

Du bist, wo Du sitzt: Sitzen Sie lieber vorn beim Fahrer oder in der letzten Reihe?
Vorn sehe ich alles: unsere Kunden, das Personal unserer Partner-Verkehrsunternehmen, unsere Dienstleistungen, das Land und die Leute in Nordhessen. Das ist wichtig für meinen Job. Davon möchte ich mir immer wieder einen Eindruck zu verschaffen.