viermalvier: Malte Knigge verkauft seit 15 Jahren Designklassiker

Jens Thumser Harry Soremski
Die Eames Plastic Chairs – die ursprünglich natürlich Fiberglas Chairs hießen. Sie sind „im Original“ aus fiberglasverstärktem Polyesterharz gefertigt worden. Heute werden sie in Polypropylen gefertigt, noch dazu in leicht (aber erkennbar) anderer Form.

Gedankenversunken blickt Knigge über die Klassiker in den Himmel über Kassel. Seit über 15 Jahren ist er nun schon mit dem Handel von Originalen der Originale befasst. Er kennt die Geschichten hinter den Möbeln und von den Möbeln. Und er kennt meist auch das neue Zuhause seiner Stücke. Aber er gibt sie gern in gute Hände. Es ist eben nicht nur Business, es ist eine Herzensangelegenheit.

2_5151Seit über 15 Jahren ist Malte Knigge mit dem Handel von Originalen der Originale befasst.

Wir werfen mit Malte Knigge, Inhaber des Möbelhandels „viermalvier“ aus Kassel einen Blick auf die Besonderheiten von Designklassikern. Er hat Architektur studiert, aber nie so recht den Reiz in Hoch- und Tiefbau gefunden. Und interessanterweise sind auch viele der Designer, die die Möbel entworfen haben, die
er heute (gebraucht) verkauft, Architekten gewesen. Mies van der Rohe, Charles Eames, Marcel Breuer und viele andere mehr. Und heute, teilweise knappe 100 Jahre später, pflegt Knigge ein feines Netzwerk von findigen Händlern, die auf Dachböden rund um den Globus das eine oder andere Überbleibsel aus diesen Entwurfs- und Fertigungszeiten vor dem Schrott retten. Denn zu der Zeit, als die meisten dieser heute (teilweise fast inflationär) Design­klassiker genannten Möbel gestaltet und zuerst produziert wurden, waren sie so etwas wie heute ein Volks-Stuhl oder ein Volks-Tisch. Und somit ereilte die Meisten das Schicksal der ehemaligen Massenware: Sie landeten auf dem Müll.

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Warum die „Echten“ von damals und die „Echten“ von heute doch nicht das Gleiche sind

Seit ein paar Jahren machen aber nicht nur das Aussehen, die ursprünglichen Materialen, die Patina und die Story das Stück zum begehrten Stück, sondern eben auch die zumeist nur noch geringe verfügbare Stückzahl. Denn wer sich einen echten (!) Freischwinger S32 von Mart Stam wünscht, der möchte zwar einen von Thonet (die den Stuhl damals wie heute herstellen) – aber eben nicht aus 2016. Wahrscheinlich jeder von uns hat schon mal einen Panton-Stuhl gesehen oder sogar darauf gesessen – vielleicht auch besessen. Ist schon toll: Ein Stuhl ohne Beine, alles aus einem Stück. Er sieht aus wie ein schwingendes Kleid – nur ohne die schöne Frau darin. Und man kann sich draufsetzen. Dann hat man den Stuhl sozusagen „angezogen“. Ein wenig zumindest. Doch ich würde wetten: Die meisten saßen – wenn denn überhaupt auf einem Original – auf einem Modell neueren Datums.

Vitra in der Schweiz ist der lizensierte Hersteller des Möbelklassikers von Verner Panton, entworfen 1960. Und doch sind die Stühle von heute nicht die Stühle von 1967, als sie in Serienreife gingen. Das spürt man, wenn man beide Versionen mal genauer ansieht. Das erkennt man immer wieder, wenn man einmal dahinter gekommen ist. Und dieses oder ähnliche Schicksale teilen viele der Originale jener Zeit. Doch was macht den Reiz dieser und anderer Möbel aus, deren Entwürfe und erste Exemplare aus zwei ganz eng definierbaren Zeiträumen des 20. Jahrhunderts stammen: Nämlich den jeweils ersten Jahren nach den beiden Weltkriegen? Sehnen wir uns nach dieser Art Neuanfang? In bester Erinnerung an die jeweils anschließenden wirtschaftlichen Aufschwünge? Die goldenen Zwanziger bezeichnet man ja auch als die „neue Sachlichkeit“. Und nach dem zweiten Weltkrieg? Wirtschaftswunderzeit! Alles kann, nichts muss. Für das Meiste war eh kein Material da. Aber Hauptsache anders, als noch zu braunen Zeiten, das war das Ziel.

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Und selbst, wenn sie den italo-amerikanischen Möbeldesigner Harry Bertoia nicht kennen: In seinem Diamond Chair haben sie vielleicht schon mal gesessen. Ein Quadrat aus Metallgeflecht, geformt zu einer blickdurchlässigen Sitzfläche (siehe Foto oben) mit angedeuteten Armlehnen – wahlweise mit Sitzkissen. Verchromt auch ein Klassiker. Doch die Kernfrage bleibt: Warum nun gibt es unter den Originalen besondere Originale? Weil! Es ist eben ein Unterschied, ob die Firma Knoll diesen Diamond Chair in 2016 gefertigt hat und nagelneu aus­liefert, oder ob dieser Stuhl aus der ersten Serie von 1950 stammt. Herstellungsverfahren haben sich geändert, Materialien ebenfalls. Denn selbst verchromter Stahl hat sich in den letzten 66 Jahren verändert. Und genau dieser Umstand – abgesehen von dem Leben, das ein solches „historisches Original“ hinter sich hat, ist es, was diese Stücke von damals für echte Designliebhaber so wertvoll macht.

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