„Unsere Demokratie ist es wert, dass man sie verteidigt“

Rainer Hahne Harry Soremski

Noch heute läuft es Hermann Josef Klüber kalt den Rücken runter, wenn er an den übelsten Fall denken muss, den er als Staatsanwalt bearbeiten musste. Ein Killer aus dem Zuhältermilieu hatte im „Hexenhäuschen“ in Bad Hersfeld mehrere Morde begangen und die Leichen im Puff zerlegt. Ein Tiefpunkt in seiner Karriere.
Aus Fulda kommt Klüber. Dort heißen die Einwohner nicht Ossenköppe oder Spanschlauchbiedel wie in Kassel, sondern „Pflosterschisser“. Dort ist der aktuelle Regierungspräsident aufs Dom-Gymnasium gegangen. Hat anschließend Zivildienst in Frankfurt im Krankenhaus abgeleistet. „Das war damals so im Trend“, sinniert er in seinem Büro in Kassel mit Blick über die Fulda. „Heute würde ich das wohl nicht mehr so machen. Heute würde ich meinen Wehrdienst ableisten. Unsere Demokratie ist es wert, dass man sie verteidigt.“ Außerdem habe die Bundeswehr heute für ihn eine andere Bedeutung.

Nach dem Zivildienst wurde studiert. Jura. In Würzburg. „Eine wunderbare Stadt“, schwärmt er noch heute. „Weinfeste ohne Ende. Und die Fakultät war mitten in der Stadt.“ Nach Fulda fuhr er trotzdem immer wieder. War heimatverbunden. Und in Fulda lernte er seine spätere Frau Birgit – von Beruf Bankkauffrau – kennen und lieben. Schon während des Studiums kam Tochter Katharina auf die Welt. Es wurde geheiratet.

Doppelt motiviert studierte Klüber weiter. Musste fürs Referendariat nach Schweinfurth und Aschaffenburg. Zur Prüfung ging’s nach München. „Als wir vor dem Justizpalast standen, sackte uns allen das Herz in die Hose, brach uns der Angstschweiß aus. Wir wurden während der Prüfungen regelrecht bewacht.“ Trotzdem ließ er sich nicht aus der Ruhe bringen. Legte ein Prädikatsexamen hin. Damit kam er in den bayrischen Staastsdienst. Wurde Staatsanwalt in Traunstein. „Ich glaube, das ist der größte Bezirk in Bayern. Eigentlich war ich ständig unterwegs. Und wenn ich zurück kam, hatte schon wieder einer eine Schubkarre Akten auf meinen Schreibtisch gekippt.“

Dann lernte er eine andere Seite der Justiz kennen. Kam nach der Wiedervereinigung im Januar 1995 als Oberstaatsanwalt nach Thüringen, nach Erfurt. „Dort habe ich alles hautnah erlebt – das SED-Unrecht, die Folgen derSchießbefehle. Am Bielstein in der Rhön war ein Bundeswehrsoldat angeschossen worden. Ich habe die Verhandlung geführt gegen den Schützen. Habe die Versöhnung erlebt. Habe zwei Menschen gesehen, die dieses Unrecht wohl nie vergessen werden.“

Dann holte man ihn in die Politik. Justizministerium – Strafrechtsabteilung. Im Innenministerium wurde er dann Leiter der Polizeiabteilung. „Das war vermintes Gelände. Hier trafen absolute Gegensätze aufeinander. Gearbeitet wurde open end.“

Eine schwere Zeit für Klüber, dessen Familie immer noch in Fulda wohnte. Dreimal pro Woche fuhr er heim. Ehefrau Birgit brauchte Unterstützung. Schließlich war nach Tochter Katharina auch Sohn Johannes auf die Welt gekommen und sorgte für Leben im Haus, das im Schatten des Domes gebaut wurde.

Da freute es das „ganz normale Beamtenarbeitstier“ – wie Klüber sich gerne nennt, dass er einen Ruf nach Hessen erhielt. „Während meiner Zeit im Innenministerium hatte ich viel mit der hessischen Polizei zu tun. Jetzt wurde ich Vizepräsident der Landespolizei in Wiesbaden. Doch so schnell ließ ihn die Erfurter Vergangenheit nicht los. Er sei der „Heilsbringer für die hessische Polizei“ wurde aus Thüringen gehetzt, habe in seinerzeit „kranke Polizisten mit Hubschraubern beobachten lassen“. Die Gewerkschaft der Polizei in Thüringen schoss aus allen Rohren.

Wieder kein einfacher Start für ihn. Hat man da überhaupt noch Zeit für ein Hobby? Für Urlaub? „In Erfurt hatte ich eigentlich keine Zeit für ein Hobby. Als Student hatte ich Trompete gespielt. Aber ich war nie so gut, dass es für eine Kapelle gereicht hätte. In Thüringen habe ich hin und wieder Einzelunterricht genommen oder auch mal mit zwei Kollegen gespielt – im Beamten-Trio. Im Moment übe ich auf der Orgel.“

Und wie sieht es mit Urlaub aus? „Ehrlich gesagt bin ich kein Freund von Fernreisen. Wir haben immer die Kinder ins Auto gepackt und sind in die Nachbarländer gefahren. Besonders gern nach Frankreich und Italien. Das machen wir heute noch.“
Heute ist er Regierungspräsident in Kassel. Und freut sich insbesondere über eins. „Mein Trompetenspiel ist gut genug, dass ich in unserer Musik AG mitspielen kann. Unsere Weihnachtslieder können sich hören lassen.“