Tuut-tuut-tuut

Victor Deutsch Harry Soremski

Dieser Geruch. Irgendwas zwischen feuchtem Papier und rostigem Metall. Wo kam sie her, diese Feuchtigkeit? Vielleicht von den Tränen, die verzweifelte Nutzer in den Hörer schnieften. Bus verpasst, Liebe zerbrochen. Irgendetwas, was mitgeteilt werden musste.

Ohne Not geht keiner in die Zelle. Kein „Hallo, ich wollte mich mal kurz melden“. Keine endlosen WhatsApp-Duelle. Und schon gar kein halb-öffentliches Lautsprecher-Geschwafel. Pure Information, begrenzt durch den eigenen Groschenvorrat und den Aufkleber, der jedem „Fasse Dich kurz“ entgegen schrie. Und manchmal auch ein Anruf-Streich, unerkannt und von dem Gnihihi unterdrückter Teenager-Lacher flankiert. Am Telefontischchen im Flur war das nicht möglich. Zu viele neugierige Ohren, vor denen dahin gehauchte Liebesschwüre verborgen bleiben sollten. Das ging nur hier im kleinen gelben Haus, das so viel hörte – und heute keinem mehr was sagt.

Mit dem Farbwechsel zu Magenta schritt der Niedergang der einst noch 50.000 Telefonzellen in Deutschland einher. Eine nach der anderen sank unter die magische 50 Euro-Marke. Das Erreichen des monatlichen Umsatzziel sicherte den  Fortbestand. Dabei waren die Schäden des Gebrauchs einst noch übersichtlich – Edding-Schmierereien, herausgerissene Telefonbuch-Seiten oder das freigerubbelte Metall an der Seite des Gehäuses, um auf abergläubische Art das Gerät doch noch zur Annahme des letzten Geldstücks zu bewegen. Doch nun splitterten Scheiben, wurden Hörer abgerissen. So, als wollte die Handy-Generation diese Kommunikations-Dinos mit aller Macht in die ewigen Jagdgründe schicken.

In diesem Jahr wurde die letzte verbliebene gelbe Telefonzelle in Deutschland abgebaut. 17.000 ihrer magenta-grau-weißen Brüder und Schwestern warten auf die lebensnotwenigen Anrufer. Wohl vergeblich. Sie haben keinen Anruf in Anwesenheit.

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