Touché!

Die Degen sind gezogen, adrett gekleidet stehen sich die beiden Kontrahenten gegenüber, der Baum unter dem sie stehen wirft einen Schatten – es geht um die Ehre. Ihren Streit fechten sie jetzt aus. Vor 200 Jahren war das keine unübliche Szene. Heute sieht man so ein Duell nur noch auf Bildern im Museum. Das Fechten hat sich aber viel von seiner Grundidee bewahrt. Der Fechtclub Kassel verbindet die alten Traditionen mit der Moderne.

Fechtmeister Daniel von der Ahé vergleicht den Wandel des Fechtens mit dem des Bogenschießens. „Früher ist man mit dem Bogen jagen gegangen, heute ist es eine Sportart. Beim Fechten hat man damals eher versucht Körpertreffer zu vermeiden, denn die konnten bei einem Duell tödlich sein. Glücklicherweise hat sich Fechten zu einem schönen Sport entwickelt“, sagt von der Ahé. Heute ist Fechten ein moderner Sport mit alten Wurzeln, bei dem Kraftausdauer und Schnelligkeit ebenso eine große Rolle spielen, wie die Psychologie.

„Jeder Treffer ist eine kleine Niederlage. Aber manchmal muss man auch einen Treffer kassieren, um das Duell am Ende zu gewinnen. So analysiert man die Taktik des Gegners und stellt sich darauf ein“, sagt der Fechtmeister.
Heute geht es beim Fechten nicht mehr nur um die Ehre. Ehrenhaft ist der Sport aber noch immer. Besonders im Fechtclub Kassel legt man darauf viel Wert.
Hier zollt man seinem Gegner Respekt, egal wie der Kampf ausgegangen ist. Nach dem Training stehen die Schüler in einer Reihe. Von der Ahé steht ihnen gegenüber. Der Degen wird zuerst vom Körper weg-, dann nach links und rechts geführt, die Klingen kreuzen sich und klirren – ein altes Ritual zum Abschluss des Trainings. Dann bedankt sich Daniel von der Ahé bei seinen Schülern – zuerst bei den Damen.
„Egal wie stressig der Alltag ist, beim Fechten ist man im hier und jetzt und vergisst alles um sich herum, blendet es aus – so entspannt man doch am besten“, sagt der Fechtmeister.

Geben die alten Traditionen des Fechtens an ihre Schüler weiter: Daniel von der Ahé (li.) und Leonid Dermitchew vom Fechtclub Kassel.

145 Mitglieder hat der Fechtclub Kassel heute. Hier haben schon Weltmeister trainiert. Und fechten hat in Kassel Tradition. 1885 wurde von 15 Mitgliedern der „Casseler Turngemeinde“ eine Fechtabteilung gegründet. Aufgrund fehlender Mittel zum Kauf von Waffen und Geräten löste sich der Verein jedoch kurz vor der Jahrhundertwende auf. Erst 1933 bildete sich wieder eine Fechtabteilung, doch mit Kriegsende verboten die Besatzungsmächte jeglichen Fechtsport in Vereinen. Unter dem Decknamen „Gymnastikabteilung des KSV Hessen Kassel“ wurde 1948 eine neue Fechtabteilung gegründet – in der Not wird man erfinderisch. 1993 standen die Fechter vor den Trümmern des Großvereins KSV Hessen Kassel, der in die Insolvenz musste. Heute ist man froh ein eigenständiger Verein zu sein und in der eigenen Halle am Königstor zu fechten.

„Jeder Treffer ist eine kleine Niederlage. Aber manchmal muss man auch einen Treffer kassieren, um das Duell zu gewinnen“

– Fechtmeister Daniel von der Ahé

Besonders stolz ist man auf die A-Jugend Degenfechterinnen (U17) um Katrin Meißner, Patricia Vera Schulenburg, Alexia Paulsfeld und Elisa Süvern, die zum zweiten Mal nacheinander Hessenmeister geworden sind und bei den Deutschen Mannschaftsmeisterschaften gemeinsam Bronze gewonnen haben. Die jungen Fechterinnen und Fechter sind die Zukunft des Vereins, der die alten Traditionen des Fechtsports weitergibt. So reicht man sich hier zur Begrüßung stets die linke Hand. Warum?
„Weil man mit der rechten Hand den Degen geführt und gegeneinander gekämpft hat. Aber auch weil man unter dem Handschuh ziemlich schwitzt“, sagt der Fechtmeister Daniel von der Ahé und lacht.