So spannend sind die Restaurierungs-Werkstätten der MHK

Jens Thumser Harry Soremski
Michael Beck: Uhrenrestaurator und Uhrmacher.

Den Spuren der Zeit kann sich nichts und niemand entziehen. Doch es gibt einen Weg, den Prozess zu verlangsamen. Zusammen mit ihren Kollegen der Restaurierungswerkstätten der MHK verhilft Abteilungsleiterin Anne Harmssen alternden Objekten und Kunstwerken zu neuem Glanz und verlängert ihre Lebensspanne, ohne dabei jedoch die Originalität und den Charakter des Werks zu verfälschen.

Stille herrscht im Raum. Konzentriert steht eine Gruppe von Restauratoren vor einem Gemälde, der Blick einer Kollegin ist konzentriert durch ein Mikroskop gerichtet. Ihrem geschulten Blick entgeht nichts, keine Unebenheit, kein Kratzer, keine nachträglich aufgetragene Farbschicht. In der Werkstatt sitzt eine Restauratorin über einer alt und edel anmutenden Tapete gebeugt und bearbeitet mit einem Pinsel behutsam und millimetergenau das Motiv, das vor vielen hundert Jahren geschaffen wurde. Wir sind zu Besuch in den Werkstätten der MHK (Museumslandschaft Hessen Kassel), in denen alte Möbel, Uhren, Tapeten, Gemälde, Grafiken und Kunstwerke aus Metall, Stein, archäologische Objekte und Textilien mit großer Sorgfalt restauriert und vor den unaufhaltbaren Zeichen des Verfalls geschützt werden – so gut es denn eben leistbar ist.

Eine große Aufgabe für die Mitarbeiter der Restaurierungsabteilung: „Das Bohnenfest“ von Jakob Jordaens.

„In unserem Haus gibt es neun Fachgebiete, die von insgesamt elf Restauratoren betreut werden“, erzählt Anne Harmssen, die seit fast elf Jahren Abteilungsleiterin der Restaurierung in Kassel ist. In dem Depot- und Werkstattgebäude in der Nordstadt werden sieben Fachgebiete abgedeckt und auch im Schloss Wilhelmshöhe befinden sich zwei Werkstätten. Neben ihrer Arbeit im Haus verwaltet die gesamte Restaurierungsabteilung auch Kunstwerke außerhalb der Stadt. Skulpturen in den drei zu der MHK gehörenden Parks, Objekte in den Schlössern oder Wandausstattung wie Tapeten befinden sich in den sorgsamen Händen der Restauratoren. Als die Teufelsbrücke im Jahr 2010 mit rosa Farbe besprüht wurde, wurde die Restaurierungsabteilung der MHK zu Rate gezogen, um das alte Bauwerk wieder in den Ursprungszustand versetzen zu können. „Vor meinem Abitur wusste ich nur, dass ich etwas Künstlerisches machen wollte. Es war mein Großvater, der mich schließlich auf die Idee brachte, Restauratorin zu werden“, erinnert sich Anne Harmssen an ihre Anfänge zurück. Früher war die Ausbildung zum Restaurator sehr praktisch angelegt. „Ich habe sechs Jahre lang durch Praktika in verschiedenen Restaurierungsstätten den Beruf erlernt.“ Heutzutage geht der klassische Weg über ein Studium, welches nach einem einjährigen Vorpraktikum in einem speziellen Fachbereich absolviert wird. Die 56-Jährige arbeitete erst 18 Jahre lang am Herzog Anton Ulrich Museum in Braunschweig, bevor es sie ins Ausland verschlug – genauer gesagt nach Kanada und Neuseeland. „In jedem Land gibt es unterschiedliche Restaurierungstraditionen, die einem helfen, die eigenen Methoden neu zu bewerten“, berichtet sie.

Anne Harmssen Abteilungsleiterin der Restaurierungswerkstätten der MHK.

„Jede davon hat ihre Daseinsberechtigung und sollte auch gepflegt werden.“ In Taiwan liegt ein ganz anderer Grundsatz der Restaurierung von Tempeln zugrunde als in Deutschland bei Kirchen zum Beispiel. Prachtvolle Tempel werden dort von außen nahezu komplett neu überarbeitet und auch die Materialien unterscheiden sich unter Umständen von denen des ursprünglichen Bauwerks. In Deutschland hingegen steht die Konservierung des Bestandes im Vordergrund, die Optik rückt in den Hintergrund. In Taiwan wird jedoch ein großes Augenmerk darauf gelegt, dass der Tempel möglichst prachtvoll aussieht. Aus diesem Grund wird beherzter Altes durch Neues ersetzt. „Die einzelnen Länder nutzen auch traditionell unterschiedliche Materialien“, führt Anne Harmssen aus, die in Ahrensburg bei Hamburg geboren und in Niedersachsen aufgewachsen ist. „In Holland wurden Gemälde im 19. Jahrhundert mit einer Wachs-Harzmasse doubliert – also mit einer neuen Leinwand hinterklebt – um die Gemälde zu stabilisieren. In Deutschland nutzte man dafür eher Kleister, in Russland auch Störleim.“ Diese Traditionen haben ihren Ursprung in der Materialverfügbarkeit. Und auch die regionalen Begebenheiten spielen eine entscheidende Rolle. Während es in Holland nasser ist, ist es in Wüstengegenden trockener. Dementsprechend muss bei der Restaurierung ganz differenziert agiert werden.

Besonders stolz ist die Abteilungsleiterin auf die gelungene Restaurierung einer Prunkgarnitur im Hessischen Landesmuseum. Vier Kollegen – unterstützt von einer externen Restauratorin, alle aus unterschiedlichen Fachgebieten – restaurierten Hand in Hand dieses prachtvolle, aus Holz geschnitzte, vergoldete und bemalte sowie mit geschliffenen Glassteinen besetzte Prachtmöbel. Dabei stellte sich ihnen die wichtige Frage, die auch vielen anderen Restauratoren oft begegnet: Wie weit sollen wir mit der Restaurierung gehen? An neuen Objekten mangelt es ihnen oftmals nicht. „Viele historische Kunstwerke und Objekte erhalten wir von privaten Schenkern und Spendern“, erklärt Anne Harmssen. „Sie haben beispielsweise ein altes Schlafzimmer aus dem 19. Jahrhundert, welches sie dem Museum überlassen.“

Arbeiten im Hundertstel-Millimeter-Bereich: Viele Eingriffe und Analyse-Maßnahmen finden mit mikroskopischer Unterstützung statt.

Aber auch mit Ankäufen der documenta erweitert die MHK regelmäßig ihren Bestand. „Ein Geschenk von der documenta 12 waren zum Beispiel zahlreiche, fünf mal drei Meter große Kokosmatten von dem Künstler Fabio Mauri“, führt sie weiter aus. „Alle achthunderttausend Besucher sind über sie drüber gelaufen. Und vor dem Einbringen in das Depot mussten wir vorab dafür sorgen, dass mikrobieller Befall in den Matten durch eine sechswöchige Stickstoffbehandlung abgetötet wurde.“ Doch die Restaurierung liegt nicht allein in der Hand des Restaurators. „Künstler, die noch nicht verstorben sind, werden zu ihren Werken befragt. In manchen Fällen ist eine Verfallserscheinung oder Vergänglichkeit sogar gewollt“, erläutert Anne Harmssen, deren Fachgebiet sich um Gemälde und Skulpturen dreht. Heutzutage restauriert sie selbst durch ihre Leitungsaufgabe nicht mehr so viel wie früher – zu ihrem eigenen Leidwesen. „Die Künstler befassen sich im Allgemeinen erst mit der Frage nach dem Erhalt ihrer Werke, wenn man sie explizit danach fragt.“ Im Vorfeld hat sie bis jetzt erst ein oder zwei Mal erlebt, dass Künstler sich im Vorhinein bei ihnen erkundigt haben, wie sie ihre Werke vor dem Verfall schützen können und mit welchem Material ihnen das gelingt. Im Regelfall setzt sich die MHK mit dem Künstler in Verbindung, um wichtige Fragen zu klären. Wie soll seine Kunst zukünftig ausgestellt werden? Welche Materialien hat er verwendet? Wo hat er sie gekauft? Wieso hat er genau diese Stoffe benutzt und keine anderen? Bei Medienkunst stellt sich im Besonderen die Frage, wie zum Beispiel die Bildschirme oder Monitore bei einem Defekt ersetzt werden sollen. Dass Künstler umgekehrt die Fachabteilung nach bestimmten Materialen fragen, die zukünftig gut für eine Erhaltung angebracht sind, ist aber leider eher selten.

Ein besonders Objekt befindet sich schon seit langer Zeit in den Werkstätten der Restaurierungsabteilung. „Das Bohnenfest“ von Jakob Jordaens ist das größte, welches die MHK von diesem Künstler besitzt. Im Jahr 2012 wurde es vor einer großen Jordaens-Ausstellung aus der Sammlung genommen, da es den Restauratoren ungepflegt erschien. „Das Gemälde lag in den letzten 400 Jahren oft auf dem Werktisch eines Restaurators. Aber nicht immer wurde mit der entsprechenden Sorgfalt gearbeitet“, erläutert Anne Harmssen. „Es wurde immer nur ein wenig ausgebessert, Fehlstellen in der Farbschicht wurden großzügig übermalt. In der Vergangenheit wurde es – sicher oftmals auf Grund seiner enormen Größe – gerollt und dann transportiert und hat aus diesem Grund auch viele weitere Schäden und anschließend unsachgemäße Ausbesserungen erfahren. Der Originalzustand ist durch diese Maßnahmen stark verschleiert.“ Die Frage nach der Restaurierung des Gemäldes ist die komplexeste Aufgabenstellung der letzten zehn Jahre. Der Künstler arbeitete über einen Zeitraum von fast 25 Jahren immer wieder an dem Gemälde. Er nähte neue Leinwände an, malte weiter, veränderte das Thema, malte mit neuer Farbe über bereits bemalte Stellen. So entstanden unterschiedlich dicke Farbschichten, auf denen zusätzlich Schichten der Restaurierung liegen. Doch damit hören die Schwierigkeiten noch nicht auf. „Durch eine längere Lösemitteleinwirkung in bestimmten Bildbereichen haben sich Firnisschichten mit originalen Farbschichten vermengt. Eine Trennung der stark gebräunten Firnisschichten von der originalen Malerei ist uns stellenweise ohne zusätzliche Schäden kaum möglich.“ Im Moment erscheint ihnen eine Restaurierung zu riskant, da das Risiko von Folgeschäden zum jetztigen Kenntnisstand schwer einzuschätzen ist. „Wir wollen uns noch einmal treffen und das Gemälde weiter untersuchen. Dann wird entschieden, ob es zurück in die Sammlung gehängt wird oder ein Großprojekt mit einer über Jahre andauernden Restaurierung gestartet wird.“Komplett verloren ist ein Kunstwerk jedoch nie. „Bei einigen wenigen Objekten lohnt sich eine groß angelegte Restaurierung einfach nicht“, meint die Abteilungsleiterin. „Oft pausieren wir auch mal eine Restaurierung, um sie zu einem späteren Zeitpunkt dann wieder fortzusetzen.“ Sollten alle Stricke reißen und mit keiner Methode eine zufriedenstellende und risikolose Lösung erzielt werden können, dann werden nur konservierende Maßnahmen ergriffen, die das Objekt dennoch präsentabel in der Ausstellung erscheinen lassen. Ganz aufgeben, das würden die Restauratorinnen und Restauratoren nie. Immerhin verbindet sie eines: die Liebe zur Kunst. Und genau diese Liebe treibt sie an, sich mit viel Fingerspitzengefühl und Sorgfalt den Kunstwerken zu widmen, ob mit Pinseln, Mikroskopen oder Skalpellen – ganz im Sinne des Kampfes gegen die Zeit.