Schuhmachermeister Thomas Bauer: Von Leisten und Zwicknägeln

Jens Thumser Harry Soremski

Maßanzüge scheinen den breiten Markt erreicht zu haben, doch Schuhe nach Maß sind immer noch etwas ganz Besonderes. Und weil das Schuhmacherhandwerk auch nicht zu den attraktivsten gehört, sind wahre Könner unter ihnen auch rar. Und doch lohnt es sich, dem traditionellen Handwerker Thomas Bauer mal über die Schulter zu schauen. So sind es doch zahlreiche einzelne Handgriffe, die aus den vielen Einzelteilen einen Schuh werden lassen.

Wir haben Thomas Bauer besucht, der seit über 10 Jahren Schuhe nach Maß anfertigt. Seine Werkstatt ist im Kasseler Auefeld angesiedelt, aber dort beginnt die Geschichte nicht. Er hat vorher in einer orthopädischen Werkstatt gearbeitet und erinnerte sich irgendwann daran, dass er einen individuellen Maßschuh als Meisterstück anfertigte. Und dann kam noch die nötige Traute dazu, sich selbständig zu machen. Mittlerweile ist für ihn ein Traum in Erfüllung gegangen. Nicht nur die Eigenverantwortung, sondern das reine Handwerk ausüben zu können, begeistern immer noch jeden Tag. Die Kunden kommen nicht nur aus Nordhessen, es gibt auch internationale Verbindungen. Doch als Erstes muss jeder Maßschuh-Kunde zum Maßnehmen erscheinen.

Fotos: Soremski

Der Leisten ist die Basis jeder Maßschuhanfertigung, in der Regel aus Holz und eine Art „Nachbildung“ des Kundenfußes. Schon hier ist nicht nur Fachkenntnis und Genauigkeit gefragt. Als Schuhmachermeister braucht’s eben eine ordentliche Portion Erfahrung und Einfühlungsvermögen, damit „Besonderheiten“ rund um den Fuß auch berücksichtigt werden können – und da ist ein Hallux Valgus noch die einfachste Aufgabe. Aber wer nun denkt, ein Maßschuh ist teuer, der irrt. „Wer billig kauft, kauft zweimal!“ ist so ein Leitsatz, der beim Thema gleich mehrfach richtig ist. Denn die meisten Schuhe, die maschinell hergestellt als Massenware in den Läden dieser Welt herum stehen, sind billigst zusammengekleistert und von kürzester Lebensdauer. Nun ist die (Schuh)-Welt hier auch nicht nur schwarz und weiß, im doppelten Sinn.

Dennoch gibt es zwischen den „angeblichen“ Lederschuhen und einem nach handwerklichen Regeln und mit guten Materialien hergestellten Maßschuh doch einige Unterschiede. Das fängt bei der Sohle an und hört beim Oberleder nicht auf. Zumeist sind die ganz billigen Vertreter der Treter geklebt statt genäht, und die Passform ist auch häufig mäßig. Hinzu kommt, dass „teuer“ auch nicht gleich „gut“ ist. Denn gerade für Frauen werden Schuhe verkauft, an denen das Wenigste das Material oder Arbeitszeit ist, sondern das Teuerste der Name des Herstellers. Handarbeit ist da dran – außer dem Einpacken der Schuhe in den Karton – rein gar nichts.

16_04_15_34_Thomas-Bauer_4923Das Werkzeug ist Zeuge einer anderen Zeit. Und doch kommt der ursprüngliche Sinn des Handwerks wieder ans Licht. Schuhe für den Fuß, nicht Schuhe aus der Maschine.

Apropos Handarbeit: Im Grunde ist es auch die Arbeit, die einen Maßschuh teuer macht. Es braucht manche Stunde, um dem Leder seine Form zu geben. Wobei im Vergleich zur Nutzungszeit und Haltbarkeit eben dann doch wieder nicht teuer. Aber zurück zur Arbeit: Genau genommen müssten auch die in Massen hergestellten Fabrik-Schuhe nicht mit Sohlen aus Press­pappe auskommen. Ein ordentlicher Unterbau würde nur einen Bruchteil des Preises ausmachen. Und hat Schuhhandwerk goldenen Boden? Auch hier liegt die Wahrheit im Auge des Betrachters. Gebückte Haltung, kraftraubende Arbeitsschritte, Verarbeitung lösemittelhaltiger Klebstoffe – alles nicht der Traum von „wenig Aufwand und viel Erfolg“. Aber Thomas Bauer übt seinen Beruf mit Leidenschaft aus. Die Tradition lebt hier fort. Teilweise nutzt er jahrzehntealtes Werkzeug – es ist so grundsolide verarbeitet, wie seine Maßschuhe. Und darum hält es lang und verrichtet seinen Dienst auch heute noch zuverlässig und gut.

Und zum Abschluss unseres Gesprächs kommen wir nochmal auf den Maßanzug zu sprechen. „Wenn ein Maßanzug nicht richtig passt, dann passt er nicht richtig. Wenn ein Maßschuh nicht richtig passt, dann tut er weh!“ Wie recht er hat. Und so greift er sich wieder seine Beißzange, holt Zwicknägel aus den Leisten und ruht dabei in sich selbst. Umgeben von stummen Zeugen seiner Zunft, tief versunken zwischen duftenden Schaftledern und den hölzernen Leisten.

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