Profitänzerin Cree Barnett Williams tanzt am Staatstheater Kassel

Antonia Paul Harry Soremski

Die Probebühne im siebten Stock des Kasseler Staatstheaters. Eine Spiegelwand, hölzerne Ballettstangen, hellgrauer Fußboden. Auf der anderen Seite einer der schönsten Blicke über die Stadt. „Hier an der Fensterfront stehe ich am liebsten und schaue mir den Sonnenuntergang an“, erzählt Cree Barnett Williams. Wenn sie nicht gerade tanzt.

Vor fast drei Jahren kam Cree aus ihrer Heimat England nach Kassel, um ihre Karriere als Profitänzerin fortzusetzen. Am Staatstheater bekam sie ihre erste Festanstellung. Zuvor arbeitete sie als freischaffende Tänzerin in London. „Das war eine tolle Zeit, aber dort war ich eine von vielen“, blickt sie zurück. Im Alter von drei Jahren begann die heute 26-Jährige mit dem Ballet. Bis sie sechs war, besuchte sie eine Balletschule in ihrer Heimatstadt Sutton Coldfield, England. Dann entschied sie sich für die Leichtathletik. „Das Tanzen habe ich aber nie aus dem Kopf bekommen, irgendwann habe ich es richtig vermisst“, erzählt sie. So fand Cree im Alter von zwölf Jahren zurück zu ihrer Leidenschaft – und ist ihr seitdem regelrecht verfallen. Als sie mit ihrer damaligen Tanzgruppe die Aufführung eines großen Ensembles besucht, steht für sie fest: Sie will Profitänzerin werden. „Meine Eltern haben mich immer unterstützt. Als ich ihnen von meinem Traum erzählte, begann meine Mutter sofort zu recherchieren“ berichtet Cree. Ihre Mutter fand eine renommierte Tanzschule mit  einem guten Ballettlehrer, bei dem Williams neben dem Gruppenunterricht auch Privatstunden nahm. Das Training war zeitintensiv. Viel Zeit für ihre Freunde hatte die damals Jugendliche nicht. Aber es hat sich gelohnt. Mit 16 ging Cree nach London, um Ballet und Zeitgenössischen Tanz zu studieren. Ihren Bachelor an der renommierten Rambert School machte sie mit Auszeichnung. Und obwohl sie als freischaffende Tänzerin in London mit angesehenen Choreografen zusammenarbeiten durfte und viel herumkam, verschlug es sie im Alter von 23 Jahren ins nordhessische Kassel. Grund dafür war die Arbeit des Tanzdirektors und Hauschoreografen des Kasseler Staatstheaters, Johannes Wieland. „Ich habe im Internet Videos von Johannes Choreografien gesehen und konnte mich mit seiner Arbeit identifizieren. Ich wollte unbedingt mit ihm zusammenarbeiten“, erzählt Cree. So schrieb sie eine E-Mail nach Kassel und wurde kurzerhand eingeladen, sich eine Woche lang am Staatstheater unter Beweis zu stellen.

Tanzen ist körperliche Arbeit und erfordert hohe Konzentration. Wenn Cree Barnett Williams tanzt, fühlt sie sich dennoch
absolut frei.

Aus dieser einen Woche ergab sich für Cree eine Festanstellung im Tanzensemble. Und eine neue Heimat.  An das im Vergleich zu London doch eher beschauliche, kleine Kassel musste sich die 26-Jährige erst einmal gewöhnen. Auch wenn Kunst und Kultur in der documenta-Stadt durchaus einen hohen Stellenwert haben, ist die Tanzszene in Kassel wesentlich kleiner als in der Hauptstadt Großbritanniens. Dafür ist sie aber sehr familiär.  „Ich habe in meinen Kollegen vom Tanzensemble schnell Freunde gefunden. Mittlerweile sind wir wie eine kleine Familie“, berichtet Cree und kann sich vorstellen, auch in den kommenden Jahren in Kassel zu leben. Das liege natürlich auch an der besonders kreativen, tänzerischen Arbeit, die am Kasseler Staatstheater geleistet wird. An fünf Tagen in der Woche trainieren Cree und ihre Kollegen, meist von 10 bis 18 Uhr. Die Morgenstunden nutzen die Tänzer, um sich in Form zu halten. „Das Training darf aber nicht zu hart sein, sonst sind wir den Rest des Tages zu nichts zu gebrauchen“, lacht Cree.  Am Mittag folgt die Arbeit mit Johannes Wieland. Dieser stellt dem Ensemble viele psychologische und kreative Aufgaben, versetzt sich mit ihnen in unterschiedliche Persönlichkeiten und erschafft Charaktere, mit denen die Tänzer in unterschiedlichsten Formen arbeiten. Die Tänzer lernen mit ihrem Körper zu schauspielern. „Ich mag diese psychologische Arbeit und finde es toll, dass wir nicht nur Choreografien einstudieren und abspulen, sondern jeden Tag etwas Neues erschaffen und unsere Bühnenstücke so immer weiter entwickeln“, sagt Cree.

Einige Wochen vor der Premiere werde es dann schon mal stressig – vor Publikum müssen die Choreografien schließlich sitzen. Wenn Cree dann die Bühne betritt, fällt jedoch alle Last von ihr ab. „Dann betrete ich eine Welt mit ganz eigenen Regeln. Auf der Bühne bin ich absolut frei, muss mich nicht anpassen, sondern werde für meine Eigenheiten geschätzt. Das genieße ich sehr, denn in der realen Welt ist es oft anders“, erzählt sie. Zwischen den Aufführungen kommt Cree dennoch gern in die nordhessische Realität zurück. Besonders die Natur in und um Kassel hat es ihr angetan. Und damit meint sie nicht nur das viele Grün. „Ich habe in meinem Leben an keinem anderen Ort so viele tolle Regenbögen gesehen. Und natürlich Sonnenuntergänge.“