Produktdesign-Paar aus Kassel entwirft erfolgreich Möbel

Jens Thumser Harry Soremski, Minu Lee

Die Geschichte beginnt vor vierzehn Jahren. Miriam Aust und Sebastian Amelung begegnen sich zum ersten Mal in ihrem Leben bei der Aufnahmeprüfung des Studiengangs Produktdesign an der Kunsthochschule. Heute sind die beiden ein Paar und haben ein Kind. Und nicht ganz nebenbei sind sie zwei erfolgreiche Produktdesigner geworden, die zahlreiche Preise erhielten und mittlerweile namhafte Hersteller mit ihren Ideen beliefern. Aber der Reihe nach.

Vase & Leuchte heißt die Diplom-Arbeit von Miriam, die damit in 2010 nicht nur den Abschluss ihres Studiums manifestiert, sondern auch den „Grand Prize Interieur Kortrijk“- Award in Belgien erhält und zugleich den Startschuss der Zusammenarbeit mit Sebastian darstellt. Während er noch ein Jahr länger studiert,
nutzt sie den dotierten Preis und die damit verbundenen neuen Kontakte, um weiter produktiv zu sein. Und das anschließend und zunehmend mit ihm gemeinsam. Während sich die Abschlussarbeit der 33-Jährigen um Pflanzen und Hydrokultur drehte, ist das Thema des gebürtigen Marburgers Beton. Doch so gegensätzlich es sich anhört, ist es dabei gar nicht. Denn in beiden Arbeiten, auch wenn sie ein Jahr auseinanderliegen, spielt Licht eine zentrale Rolle. Genauso wie „Vase & Leuchte“ ist auch seine Abschlussarbeit eine Lampe – namens „Like Paper“. Eine Lampe aus Beton, geformt wie ein Papiertrichter. Sie verkörpert eine Leichtigkeit, die das Material geschickt konterkariert. Und auch diese Arbeit wird ausgezeichnet: sie erhält 2012 den FORM-Award des Bundesverbandes Handwerk, Kunst, Design und 2013 den Designpreis der Bundesrepublik Deutschland in Gold. Und spätestens jetzt ist der Grundstein gelegt für eine erfolgreiche Zusammenarbeit der beiden. „Like Paper“ soll in Serie gehen, aber das wird schwieriger, als gedacht. Die wohlige und produktive Infrastruktur der Kunsthochschule steht nun nicht mehr zur Verfügung und so werden die ersten Exemplare der Beton-Hängelampe auf einem Dachboden hergestellt. Kurz darauf findet sich ein Atelierraum, der bezahlbar wird, weil sie sich nun ein gemeinsames WG-Zimmer teilen. Sie kommen sich näher. „Auch wenn der Anfang von Verzicht geprägt war, hat uns ein großer Enthusiasmus durch diese Zeit getragen!“ Jetzt stehen beiden viele Türen offen. Der gemeinsamen Selbständigkeit ist nicht mehr zu entrinnen. Kurioserweise wurde die „Like Paper“-Leuchte bis vor zwei Jahren in Serie gefertigt, aber zur Zeit ist sie nicht im Handel erhältlich. Aber das Thema lässt die beiden nicht los. Aktuell wird nach einem neuen Hersteller gesucht, damit man sich den – scheinbar gefalteten – Beton auch zukünftig von der Zimmerdecke hängen kann.

Viele Arbeiten des Designerduos Aust & Amelung haben schon Designpreise erhalten, so zum Beispiel auch die „Floor Lamp“ und die „Vase & Leuchte“ (unten).

Es spiegelt die Arbeitsweise der beiden Produktdesigner sehr treffend wieder: Sie nennen sich selbst „Autorendesigner“, die – ganz wie die schreibende Zunft – sich einen Verleger der Idee suchen. Und statt eines Buches sind es eben – vorwiegend – Möbel oder Einrichtungsgegenstände. Inzwischen entwerfen sie aber nicht nur so einfach in den Tag hinein, sondern erhalten von großen und namhaften Herstellern konkrete Aufträge und Einladungen zu Ausschreibungen. So zum Beispiel aktuell für eine internationale Marke. Dabei geht es um Sitzmöbel. Aber mehr dürfen sie im Moment nicht verraten. Auf eigenen Antrieb geht aber noch eine Arbeit zurück, die einen weiteren Meilenstein der Auszeichnungen markiert: „A floor lamp“ entsteht gemeinsam und ohne externen Auftrag und wird 2014 gleich doppelt ausgezeichnet. Sie erhält den „Best of Design Plus“-Preis des Rat für Formgebung und zusätzlich den „iF concept design award“ des Industrie Forum Design. Die filigrane und zugleich geschickt mit Schwerkraft und Bewegung spielende Stehlampe wird aktuell von COVO produziert und ist rund um den Globus zu kaufen.

Aber nicht nur Licht spielt eine Rolle. Zahlreiche Möbel wie Beistelltische oder Sofas – auch in Zusammenarbeit mit dem international tätigen und in Nordrhein-Westfalen beheimateten Familienbetrieb COR – beweisen die Bandbreite. Und es unterstreicht die übergeordnete Linie von „Aust & Amelung“, wie sich die zwei nennen. Es geht ihnen um Ästhetik, Purismus und höchste Fertigungsqualität gepaart mit einem zukunftsweisenden Design, frei von Trends und Moden. Aber dass der Prophet im eigenen Land nichts gilt, trifft auf das Paar nicht zu. Ganz im Gegenteil! Vor zwei Jahren gestalteten sie den „Kasselkino“-Raum im hiesigen Stadtmuseum neu. Mit unikaten Möbeln und ihrer ganz eigenen Designhandschrift. Und auch das Interieur-Konzept des Co-Working-Space im Science-Park der Universität Kassel stammt aus der Feder von „Aust & Amelung“ – natürlich unter Verwendung eigener Entwürfe und Produkte. Auch dieser Auftrag entstand aus ihrem Beitrag zum zugehörigen Möbelwettbewerb, den sie mit ihrem Entwurf „Set up your Space“ gewinnen. Und so finden sich nun dort nicht nur die „Like Paper“- Leuchten, sondern auch rollbare Schreibtische („desk and divider“) und passende Stellwände. Etwa um diese Zeit zieht das Designer-Duo in ein Gemeinschaftsatelier in der Philippistraße und seitdem erweitert sich das Portfolio und die Produktpalette gleichermaßen. Sie schätzen die eigene Werkstatt genauso wie das Netzwerk der kurzen Wege in Kassel. Abgesehen von den „ausgewählten“ Adressen von Spezialisten außerhalb.

Die jungen Eltern einer kleinen Tochter haben inzwischen einen geübten Umgang mit Ideen und Aufträgen entwickelt. Während zu Beginn beide erstmal scribbeln und zeichnen, geht sie alsbald zur realen Modellarbeit im verkleinerten Maßstab über. Wohingegen Sebastian sich dann ersten Entwürfen am Computer widmet. „So ergibt sich ein kreatives Ping-Pong-Spiel“, schildert Miriam. Die Liste der Auszeichnungen ist noch nicht zu Ende und doch erhält sich das Designer-Duo eine sympathische Bodenhaftung. Ihre Arbeiten befinden sich in den permanenten Ausstellungen zweier Museen, dem Design Centrum Kielce und dem Shanghai Museum of Glass. Beide nehmen außerdem mittlerweile Dozentenaufgaben und Lehrtätigkeiten an Universitäten wahr – nebst Kassel auch in Kiel – und auch für die Stiftung des Deutschen Design Museums. Seit Ende des letzten Jahres steht dem Paar aber eine ganz andere Herausforderung gegenüber: Sie ist neun Monate alt und heißt Thea. Und Thea ist überall dabei, atmet die inspirierende Luft des Ateliers und bereichert das kreative Leben ihrer Eltern – von denen wir sicher noch viel sehen werden: ausgezeichnetes Design aus Kassel für die Welt.