Nicht nur eine ruhige Kugel schieben: Auf eine Partie Pétanque mit den Rumkuglern

Marcel Ehrig Harry Soremski
Mit viel Gefühl: Die Rumkugler treffen sich zumeist vor dem Marmorbad vor der Orangerie auf eine Partie Pétanque.

Die Sneaker scharren in einer runden Bewegung über den Schotter vor dem Marmorbad an der Orangerie. Zuerst wird der Wurfkreis markiert, dann das Schweinchen geworfen – aber nicht weiter als zehn Meter. Und schon kann die Partie beginnen. Es wird gelegt, wenn es passt auch geschossen. Die eigene Kugel muss schließlich so nah wie möglich ans Schweinchen, damit es Punkte gibt.
Die Rede ist von Pétanque, einem Boule-Spiel aus Frankreich, die Zielkugel wird Schweinchen genannt. Aus dem Toskana-Urlaub kennt man vielleicht eher Boccia, die italienische Variante des Spiels.

Knappe Kiste: Wenn man nicht auf den ersten Blick erkennen kann, welche Kugel näher am Schweinchen liegt, wird genau nachgemessen.

 

 

„Pétanque ist ein sehr faires Spiel, das eigentlich jeder spielen kann, ohne besondere körperliche Voraussetzungen“, sagt Joachim Groger von den Rumkuglern. Die SG Rumkugler e.V. aus Kassel nimmt mit vier Mannschaften am deutschen Boule-Ligabetrieb teil, unter anderem in der 2. Hessenliga.
Gerade im Sommer sieht man viele Rumkugler vor dem Marmorbad an der Orangerie bei einer Partie Pétanque. Dann hört man die Kugeln gegeneinander klackern, der rote Sand wird leicht aufgewirbelt, es ist warm und die Stimmung gut. Pétanque ist nicht nur ein Spiel für zwischendurch. Die Rumkugler nehmen sich Zeit, wiegen die Kugel in der Hand, drehen den Handrücken nach oben und werfen die Kugel mit Spin in Richtung Schweinchen. Warum nicht Zielkugel sondern Schweinchen? „Zielkugel ist doch langweilig, das ist so naheliegend“, sagt Ellen Grögel-Porps, die schon seit rund 20 Jahren leidenschaftlich Pétanque spielt. Mitspielen kann bei den Rumkuglern jeder, der Lust hat. Und nicht selten bleibt man dabei, wenn man erstmal angefangen hat. „Das Spiel hat Suchtpotenzial“, sagt Grögel-Porps. „Für mich ist eine Partie-Pétanque aber auch Entspannung. Spätestens nach der zweiten Runde komme ich zur Ruhe“, sagt sie. „Und wenn ich verreise, nehme ich meine Kugeln mit und schaue wo gespielt wird. So lernt man schnell neue Leute kennen.“

Wie schnell man dem Pétanque-Fieber verfallen kann, zeigt sich auch am Beispiel von Peter Seeger. 2017 ist er von Hamburg nach Kassel gezogen, von einem Freund gab es als Umzugsgeschenk die passenden Kugeln und das Formular zur Mitgliedschaft bei den Rumkuglern. „Also bin ich noch relativ neu hier, doch so habe ich in Kassel gleich Anschluss gefunden. Pétanque ist für mich Spaß, Gemeinschaft und Wettbewerb“, sagt Peter Seeger.
Denn klar, wenn man in der Liga gegen andere Teams spielt, will man gewinnen, auch wenn Pétanque eher als „ruhigere Sportart“ gilt. Und wenn es eng wird, dann wird gemessen, welche Kugel näher am Schweinchen liegt- dann geht es um Millimeter. „Für mich ist das Spiel eine Form der Meditation. Die Welt ist dann das kleine Schweinchen und ich kann beruflichen Stress oder was auch immer vollkommen vergessen“, sagt Joachim Groger, der auch Präsident des Vereins ist.

„Das Spiel hat Suchtpotenzial“, sagen die Spieler der Rumkugler.„Das Spiel hat Suchtpotenzial“, sagen die Spieler der Rumkugler.

Bei den Ligaspielen gibt es keine Geschenke, wenn die Rumkugler aber vor der Orangerie spielen, geht es in erster Linie um tolle Erlebnisse und gute Gespräche. Manchmal wird nach den vielen Spielen vor dem Marmorbad, wenn es so langsam dunkel wird, auch noch gemeinsam Pizza bestellt.

Das jüngste Vereinsmitglied ist gerade erst volljährig geworden, das älteste ist 80 Jahre alt. „Wer sich noch auf den Beinen halten kann, kann auch Pétanque spielen“, sagt Ellen Grögel-Porps und schmunzelt.

Die längste Pétanque-Partie, die Joachim Groger bislang gespielt hat, ging über drei Stunden, bei sengender Hitze. So lange geht unser Kennenlernspiel beim Besuch bei den Rumkuglern natürlich nicht. Der Wurfkreis ist gezogen, die ersten Kugeln gespielt. Das gegnerische Team liegt in Führung, bis Ellen Grögel-Porps ihre Kugel an den anderen vorbei ganz nah ans Schweinchen legt, die Kugel des Gegners wegstößt und Joachim Groger ruft: „So wird Pétanque gespielt!“