Musik-Streaming aus der Röhre

Eva Sorembik Harry Soremski

Holzgehäuse, Textilbespannung und Elfenbeintasten – Röhrenradios haben einen besonderen Reiz. Doch oft fristen die guten alten Geräte der Großeltern auf dem Dachboden ihr Dasein. Zu schade zum Wegwerfen – aber technisch nicht mehr up to date für Musik-Steaming und Internetradio. Genau ein Fall für Jürgen Ripken. Der Informationstechnikermeister aus Neustadt (Hessen) pimpt die alten Radios ordentlich auf und macht die antiken Stücke mit WLAN und Bluetooth für heutige Nutzer alltagstauglich.

Minerva, Grundig, Saba. Firmennamen wie aus dem Geschichtsbuch. Doch noch vor wenigen Jahrzehnten waren diese Unternehmen für die Unterhaltungselektronik in deutschen Wohnzimmern zuständig. Heute stehen einige Radios dieser Firmen frisch poliert und mit heutiger Technik ausgerüstet bei Jürgen Ripken im Laden. Bereit einen neuen Liebhaber zu finden. Die meisten von ihnen stammen aus einer Radiosammlung, die Ripken Anfang des Jahres erworben hat, erzählt der 53-Jährige während er zu seinem Smartphone greift, um sein Lieblingsstück, ein Grundig 1004 W Baujahr 1951 ein-zuschalten. Ein Klick in der App und schon erklingt aus den Lautsprechern des knapp 70 Jahre alten Röhrenradios der erste Titel von Ripkens Spotify-Playlist.

Möglich macht dies ein kleiner Minicomputer, der in dem großen Gehäuse der Radio-Oldies installiert wird. Das neue Herzstück der umgebauten Röhrenradios sorgt dafür, dass man nicht nur UKW empfangen, sondern ein WLAN-fähiges Radio erhält. Man kann mit ihm Internetradio hören, gespeicherte Musik streamen oder Streamingdienste wie Spotify nutzen. Gesteuert wird der Minicomputer bequem über eine App.

Auf die Idee, alten Röhrenradios neues Leben einzuhauchen ist der gelernte Radio- und Fernsehtechniker über einen Kollegen aus Reutlingen gekommen. Dieser habe einen Umbausatz angeboten. „Damit habe ich als erstes das Grundig umgerüstet“, erinnert sich Ripken an sein Premierenprojekt Anfang des Jahres. Inzwischen sind es einige Stücke mehr geworden, die der passionierte Techniker mit viel Liebe zum Detail aufgerüstet und aufpoliert hat. Jedes Radio ist ein Unikat und wird von dem Technikliebhaber behutsam restauriert. Nach dem Motto „Gutes erhalten – Neues gestalten“ widmet sich Ripken selbst in seiner Freizeit den alten Röhrenradios, um aus in die Jahre gekommenen Flohmarktfunden Schmuckstücke für jeden Musikliebhaber und Individualisten zu erschaffen.

An der alten Technik aus den 1950er- und 60er-Jahren wird bei der Verjüngungskur in Ripkens Werkstatt nichts verändert. Die alten Röhren und Kondensatoren bleiben eingebaut ebenso wie die Lautsprecher, so dass der typisch warme Klang eines Röhrenradios erhalten bleibt. „Wenn nötig, werden defekte Röhren und Kondensatoren ersetzt“, erklärt der 53-Jährige. Es sei kein Problem, auch heute noch Ersatzteile für die alten Geräte zu bekommen, und auch die Reparatur sei nicht schwer. Auch wenn er selbst in seiner Ausbildung nicht mehr mit Röhrenradios zu tun gehabt hatte, sei es für ihn leicht, sich in der alten Technik zurecht zu finden. „Es ist alles nur Elektronik“, so der gelernte Radio- und Fernsehtechniker „und zum Glück gibt es noch ein paar alte Kollegen, die mir bei Fragen mit ihrem Wissen weiterhelfen.“ „Die neue Mikroelektronik findet in den großzügig dimensionierten Originalgehäusen leicht noch Platz“, erklärt Ripken. Die Gehäuse selbst werden restauriert, die Bespannung gereinigt oder durch neue ersetzt. Das eine oder andere Radio bekommt aber auch einen neuen farbenfrohen Anstrich. „Hier sind der Phantasie und den Wünschen der Kunden keine Grenzen gesetzt.“

Und dank Flohmärkten und Kollegen mit einem reichen Fundus an Radio-Oldies gibt es auch genügend Rohmaterial zum Veredeln, so dass Ripkens Leidenschaft ebenfalls keine Grenzen gesetzt sind. Einige seiner Kunden hätten ihre Dachbodenfunde schon zu ihm gebracht, um sie aufrüsten zu lassen. „Die meisten aber sind froh, dass sie die alten Geräte los werden“, so die Erfahrung des 53-Jährigen. Sehr zu seiner Freude, denn der leidenschaftliche Tüftler ist von den alten Geräten begeistert: „Hier läuft alles noch mechanisch und lässt sich jederzeit wieder reparieren.“ Die alten Röhrenradios seien „für die Ewigkeit gebaut“. Und selbst wenn UKW irgendwann abgeschaltet wird, können die Radio-Oldies so mit ihrem neuen digitalen Herz weiterleben.