Mit viel Nostalgie und dem Hessencourrier durch Nordhessen

Marcel Ehrig Harry Soremski

Schneller, höher, weiter. Mal eben um die Welt fliegen? Kein Problem. Im Zug Mails beantworten? Ganz normal. Immer schneller und bequemer reisen wir von A nach B. Es wird Zeit, mal wieder einen Gang zurückzuschalten.

Nimmt man zum Beispiel die 33,4 Kilometer lange Fahrt mit dem Hessencourrier von Kassel nach Naumburg auf sich, sitzt man zwar in einem Abteil, das von einer 750 PS starken Dampflok gezogen wird, man fährt aber nie schneller als 50 km/h. Geht man durch das Abteil, kann man sich gut vorstellen, wie hier früher gut gekleidete Männer und feine Damen gesessen haben und in die Stadt gefahren sind – die einen mit Hüten und Aktenkoffern, die anderen in edlen Kleidern.

„Ich habe mir beim Heizen auch schon ein paar Haare weggefackelt.“ Annette Becker

Dass die alten Dampflokomotiven nicht in Vergessenheit geraten, dafür sorgt seit über 40 Jahren der Verein Hessencourrier e.V. Mit ihren öffentlichen Fahrten nehmen sie ihre Gäste nicht nur mit in eine andere Zeit, die Fahrzeugsammlung des Vereins zeigt zudem die Entwicklung der Personenwagen von 1894 bis 1956. Doch so nostalgisch und schön das alles ist, dahinter steckt harte Arbeit. „Man muss schon leidensfähig sein“, sagt Annette Becker vom Hessencourrier. „Wir reparieren fast alles selbst, nicht nur die Loks, auch die Strecke muss instand gehalten werden.“ Schließlich unterliegt der Hessencourrier den gleichen Auflagen wie die Deutsche Bahn. Nur selten, wie zum Beispiel beim Dampfkessel, greift der Verein auf externe Firmen zurück, um die Standards zu erfüllen. Und selbst Hollywood wurde schon auf den Hessencourrier aufmerksam. Im Film „Duell – Enemy at the Gates“ ist die Lokomotive HC 5 zu sehen, wie sie einen Militärzug in den Bahnhof zieht.

Ob Schweißen, Schrauben oder Schleifen: Nur selten greift der Verein auf externe Firmen zurück, die meisten Reparaturen erledigen die Mitglieder des Vereins selbst.

Während die Gäste in den Abteilen sitzen und den Blick über die Landschaft schweifen lassen, schuftet derweil die Heizerin Annette Becker in der HC 206, die 1970 ausgemustert wurde und schaufelt Steinkohle in den Kessel. „Es ist also auch ein sportlicher Anreiz, sich im Verein zu engagieren“, sagt Becker und lacht. Aber das ist natürlich noch nicht alles: „Es ist die Geräuschkulisse, durch die Hitze knackt es überall und die Luftpumpe ist wohl das prägendste Geräusch bei der Arbeit. Es ist wie ein Atmen. Es klingt verrückt, aber die Luftpumpe kommt mir dann wie ein Mensch, nicht wie eine Maschine vor. Vielen machen die Geräusche aber Angst. Andere hingegen, die mal im Führerhaus waren, wollen gar nicht mehr heraus.“ Annette Becker ist seit 2014 Mitglied im Verein. Angst davor, schmutzig zu werden, darf man bei diesem Job definitiv nicht haben. „Ich habe mir beim Heizen auch schon ein paar Haare weggefackelt, das passiert schon mal, wenn eine Flamme durch die offene Kesseltür schnellt.“ Schmutz, Schweiß und brennende Haare – nicht die besten Voraussetzungen bei der Arbeit. Um stets auf Betriebstemperatur zu bleiben, gibt es für Annette Becker zwischendurch eine kalte Cola und einen Mars-Schokoriegel. Getreu dem alten Slogan: „Mars macht mobil bei Arbeit, Sport und Spiel.“ Auch der Hessencourrier bleibt dank seiner ehrenamtlichen Mitglieder mobil – mit gemütlichen 50 Kilometer pro Stunde auf der Strecke von Kassel nach Naumburg und wieder zurück.