MHK-Chef Prof. Dr. Eberle: „Kassels Kunstsammlung gehört in die Top 5“

Jens Thumser Harry Soremski

Neuer Wind in alten Gemäuern: Prof. Dr. Martin Eberle besetzt seit Frühjahr dieses Jahres den Chefsessel der Museumslandschaft Hessen Kassel (MHK). Vorher hatte er den Direktorplatz der Stiftung Schloss Friedenstein in Gotha inne. Interessant ist nicht nur, warum die Findungskommission ein Auge auf den 50-Jährigen geworfen hat und ihn nach Kassel holte, sondern auch mit welchem Blick der Kunstliebende unsere Stadt sieht.

Eberle spürt mehr Selbstbewusstsein in Kassel: “Die Stadt hat sich verändert!“, gesteht er, den es für das Studium bereits einmal nach Kassel verschlagen hatte. Die Lebensqualität sei in seiner neuen Heimatstadt nun höher als damals. Niedergelassen hat sich der gebürtige Bayer – auf eine Empfehlung hin – im Vorderen Westen, wo wir ihn auch treffen. Ob dies der Stadtteil seiner Wahl bleibt, kann er noch nicht sagen: Für einen Einstieg sei der Vordere Westen aber eine gute Entscheidung gewesen. Diese in sich ruhende Haltung überträgt der neue Chef der MHK auch auf seinen Job: Jetzt 14 Jahre nach der Gründung der Museumslandschaft Hessen möchte er vor allen Dingen inne halten und schauen, was in den letzten Jahren passiert ist und mit dem Vorhandenen voranschreiten. Wichtig sei es, Kassel zu öffnen. Sein Credo ist einfach: „Ich freue mich über Besucher. Ich freue mich auch, wenn sie in mein Haus kommen.“ Ein UNESCO-Weltkulturerbe zu haben – bei uns der Wilhelmshöher Bergpark – sei zum einen gut, um Besucherzahlen nach oben schnellen zu lassen, habe aber auch seine Nachteile, erklärt uns der studierte Kunsthistoriker. „Zum einen ist man Weltkulturerbe, das fördert den Tourismus, zum anderen habe ich aber eben auch etwas, was ich schützen muss.“ Hier müssen auch den Kasselern selbst einmal die Augen geöffnet werden, welche wertvollen Schätze ober- und innerhalb unserer Stadt schlummern: Prof. Dr. Eberle sieht Kassels Kunstsammlung in den Top 5 in Deutschland.

Die Nähe zu den Gästen steht bei ihm an erster Stelle: „Die oberste Qualität für einen Museumsdirektor ist gnadenlose Menschenliebe“, das gibt der als Honorarprofessor in Erfurt und Leipzig Tätige auch seinen Studenten mit auf den Weg. Man arbeite in diesem Job nur mit Diven zusammen: „Jeder ist der Tollste und zuständig für das Beste, doch ich bin die Ober-Diva in dem Spiel. Das ist vollkommen klar. Sie brauchen viel Liebe den ganzen Tag, auch für die Besucher.“

Auch die Eröffnung des Zissels ließ er sich daher nicht entgehen. Für ihn ein bedeutendes Ereignis. Denn dort treffe man auf einen wichtigen Teil der Gesellschaft, um den sich die MHK noch nicht gekümmert habe. Die Zielgruppe zu öffnen ist hier die Devise. Seinem Vorgänger Bernd Küster – dessen Büro er im Mai übernommen hatte – räumt er großen Respekt ein. Küster habe eine Menge geleistet: „Den Umbau von zwei großen Häusern darf man nicht unterschätzen.“ Der Neuling im MHK-Haus jedoch sieht seine Aufgaben klar vor sich: mit dem vorhandenen Potential nach vorne zu schauen und auch voranzukommen. Auch im weiteren Gespräch überzeugt Eberle durch Gradlinigkeit: „Ausstellung-Machen ist kein demokratischer Prozess. Der Rembrandt gehört da oder dort hin, da gibt’s keine Kompromisse.“

Der gebürtige Bayer legt großen Wert auf Ästhetik. So stört es ihn auch ständig zu hören: Kassel war einmal hübsch, ist dann aber abgebrannt. „Nein“, positioniert er sich klar: „Kassel ist toll!“ Sein Herz verloren hat Eberle an die schönen landschaftlichen Gärten seiner neuen Heimatstadt – auch sie sind Mit-Grund, warum er das thüringische Gotha für Nordhessen verlassen hat: „Gotha und Kassel sind verwandt, die Höfe waren schon seit dem 17. Jahrhundert miteinander verbunden. Auch die Sammlungen sind vergleichbar, nur ist in Kassel alles ein bisschen größer.“ Einfach gesagt: „Freundin, Porsche oder neuer Job. Ich wollte den Job.“ Denn kurz vor seinem 50. Geburtstag wollte er sich weiterentwickeln, sich neu eindenken in neue Ausstellungen und eben in die großen Gärten: „Ich bin jeden Tag gerne zur Arbeit gegangen“, so resümiert Eberle – den man in Gotha eigentlich gar nicht gehen lassen wollte – seine über zehnjährige Beschäftigung in unserem Nachbarbundesland. „Ich habe 60 Millionen Euro zur Verfügung gestellt bekommen, um das Schloss zu renovieren. Jedoch in den nächsten fünfzehn Jahren.“ So lange wollte er sich nicht binden. „In der Bau- und Umgestaltungsphase hätte ich nicht gehen können, das macht man nicht“, erklärt er.

Kassels Kunstsammlungen empfindet Eberle als sehr homogen: „Der Kern der Museumslandschaft sind die alten landgräflichen Sammlungen, über die Jahre zusammengetragen und an den Orten präsent für die sie gedacht waren: In den Schlössern und Gärten.“ Für ihn ein echter Pluspunkt: „Ich bin ein altmodischer Mensch. Punkt. Ich hätte gerne im 18. Jahrhundert gelebt. Auf der richtigen Seite, also im Adel“, lacht er. „Und nicht in Deutschland, sondern in Frankreich.“

Wie er zu dem geworden ist, der er heute ist? „Grundsätzlich hat man immer dem Elternhaus am meisten zu verdanken. Basta. Einfach die Unterstützung zu haben, machen zu können, was man will. Als ich Kunstgeschichte angefangen habe, stand auch Materialkunde oder Japanologie zur Auswahl – das wäre in den 80er Jahren sicherlich die bessere Entscheidung gewesen“, erinnert sich Eberle, der neben Kassel auch in München, Bamberg und Jena studiert hat. Was das Beste für ihn sein würde, konnte er damals noch nicht wissen, doch gelernt hat er: „Kunstgeschichte heißt auch viel sehen, viel rumkommen. Das war für mich und meine Entwicklung ganz wichtig! Auch zu erkennen, dass es an allen Orten nette Menschen gibt. Das muss man im Leben begriffen haben.“ Ein Glücksfall war bei ihm die „Tippeltour“ durch’s Museum, wie er sie selber nennt: Volontär, Öffentlichkeitsarbeit, Museumspädagogik, Wissenschaftlicher Mitarbeiter, erst ein kleines Haus geleitet, dann ein mittleres Haus und zuletzt Gotha. Brav hat sich Herr Prof. Dr. Eberle hochgearbeitet, doch ist nie abgehoben. „Ich saß auch schon an der Kasse und habe Toiletten geputzt und darüber bin ich auch froh. Mir kann keiner sagen, wie anstrengend eine Schulklasse mit Pubertären ist. Weil ich weiß das!“

Was er auch weiß ist, was er in Kassel bewegen will: Anfangen möchte er beim Schloss Wilhelmsthal, lässt er uns wissen. Hier könne man mit wenig Geld schon eine Menge erreichen. Und Geld sei, wie leider in den meisten Fällen, auch die größte Herausforderung, der er sich in den nächsten Jahren zu stellen habe. Den Wilhelmshöher Bahnhof empfindet er als Fluch und Segen zugleich. „Ich kenne keine andere Stadt, in der ich in die Bahn steigen muss, um ins Museum zu kommen.“ Man könne nicht bei einem Aufenthalt am Kasseler ICE-Bahnhof mal eben einfach ein Museum besuchen. Auch in den einheimischen Köpfen sei dies verankert, obwohl in der Innenstadt in Laufnähe Kassels beste Museen auf einen warten. Diese aufzuwerten und wieder interessant zu machen – nachdem wahrscheinlich jeder im letzten documenta-Sommer mal einen Fuß über die Schwelle gesetzt hat – steht auch auf Eberles Checkliste: Die Neue Galerie an der Schönen Aussicht soll einen neuen Bereich für Sonderaustellungen bekommen, der Eberle viel bedeutet: „Ohne können wir international kaum mitmachen, weil der Raum nicht da ist.“ International geht es für ihn auch mit der documenta weiter: Ebenfalls in der Neuen Galerie soll eine Etage Sonderausstellung „Geschichte der documenta“ realisiert werden. „Ich bin sicher, dass sich der Erfolg einstellen wird, sonst würde ich es nicht machen.“ Zur documenta – wo sich alles um zeitgenössische Kunst dreht – erklärt er uns, dass er in dieser Hinsicht den Besucher-Blick behalten will. Wegen seines langjährigen künstlerischen Werdegangs sehe er die meisten Gemälde, Skulpturen und Co. voreingenommen: Ihn interessieren Künstler, Zeit und Schaffensart. Bei moderner Kunst jedoch möchte er objektiver bleiben können.

Objektiv hat er auch seinen Blick über markante Ecken im Kasseler Stadtbild schweifen lassen: „Der Brüder-Grimm-Platz ist eigentlich total schön, aber leider ein großer Verkehrsknotenpunkt.“ Wünschen würde er sich auch eine Aufwertung der Treppenstraße: Sie sei städtebaulich sehr interessant. Zu Bahnhof Nummer Zwei in Kassel, dem Kultur- oder auch Hauptbahnhof, sagt Eberle: „Aus dem Kulturbahnhof könnte mehr werden. Er könnte viel belebter sein. Leider ist er nur ein Ziel, aber bietet keine Verweildauer.“ Obwohl das Potential durchaus da wäre, wie Eberle erklärt. Die dort ansässigen Kneipen und die Caricatura laden eigentlich zum Zeitvertreiben ein. Eberle selbst ist, wie er erklärt, kein Kneipengänger, er gehe lieber shoppen. Diese Vorliebe könnte der Grund für sein stilbewusstes Auftreten – grauer hochgeschlossener Anzug, goldene elegante Uhr und sein Markenzeichen, die schwarze runde Brille – sein. Eberle bedauert, dass die Menschen verlernt haben, den eigenen Geschmack weiterzuentwickeln: „Wenn ich heute in den Laden gehe und ein Hemd kaufe, dann sind Krawatte und Einstecktuch schon dabei. Das ist furchtbar. Die Industrie bestimmt, was ich gut finden soll.“ Die Brücke hinüber zu seinem Beruf ist dabei nicht weit: „Wir haben die Aufgabe Geschmackserziehung zu betreiben. Schule deinen Geschmack. Öffne dich und du gewinnst Sicherheit.“ Ebenfalls mit Sicherheit lässt sich sagen, dass der neue Direktor den richtigen Berufsweg eingeschlagen hat. Hobby und Arbeit gehen bei ihm Hand in Hand: „Wenn ich morgen frei bekommen würde, würde ich wahrscheinlich auch ins Museum gehen“, schmunzelt er. Was er sonst noch macht? „Ich koche gerne, jedoch nicht gut. Aber das entspannt mich sehr.“ Belesen ist Eberle, der selbst schon mehrere Bücher veröffentlicht hat – natürlich im Kunstgenre – auch: „Ich lese gerne Krimis. Blutig find ich gut. So richtig psycho.“