Mehr als fair

Karsten Knödl Harry Soremski
Samule Waldeck und Carsten Waldeck
Das Foto zeigt den voll modularen Aufbau des SHIFT6m. Das Smartphone der Waldeck-Brüder wurde 2018 in der Kategorie „Produkt“ mit dem „Bundespreis ecodesign“ ausgezeichnet.

Ein Brüderpaar aus Wabern-Falkenberg misst sich mit Apple, Samsung und Co.. Carsten und Samuel Waldeck produzieren Smartphones. Aber im Gegensatz zu fast allen anderen Smartphone-Herstellern dieser Welt erheben sie den Anspruch, dass ihre Handys – der Produktname ist Shift – vor allem eins sein sollen: Fair. Die Telefone sollen hergestellt werden, ohne dass Kinder dafür arbeiten müssen. Die Produktion ist zwar in China, die Angestellten arbeiten dort aber unter „europäischen“ Bedingungen – so bekommen sie beispielsweise viermal soviel Lohn wie in anderen Smartphone-Fabriken. Und die Shiftphone-Hersteller verzichten weitestgehend auf „Konfliktmaterial“. Zum Beispiel wird Coltan aus dem Kongo durch Keramik ersetzt.

Samule Waldeck und Carsten Waldeck

 

Mehr „Pampa“ geht kaum: Falkenberg, ein Ortsteil der Gemeinde Wabern, ist 6,11 Quadratkilometer groß, hat 756 Einwohner und ist dem einen oder anderen vielleicht noch durch das dortige Schloss bekannt. Doch – und wer hätte das vermutet – in derlei Provinz hat einer von nur zwei deutschen Smartphone-Herstellern überhaupt seinen Sitz: Die Shift GmbH. „Stimmt“, sagt Carsten Waldeck, „neben Gigaset in München sind wir meines Wissens nach die einzigen, die in Deutschland aktuell Smartphones produzieren. Carsten Waldeck ist – zusammen mit Vater Rolf und Bruder Samuel – Gründer, Inhaber und Geschäftsführer von Shift. Was Shift allerdings von Gigaset – und nicht nur von diesem Smartphone-Hersteller – grundlegend unterscheidet, beschreibt Samuel Waldeck mit einem Satz: „Wir wollen maximale Freiheit für den Nutzer, bei größtmöglicher Fairness all denen gegenüber, die in den Produktionsprozess mit eingebunden sind.“

Ein Kinderspiel: Das Display kann jeder ganz leicht selbst austauschen. Wer das nicht möchte, nimmt den Shift-Service in Wabern-Falkenberg in Anspruch.

Carsten Waldeck, der in Darmstadt Kommunikationsdesign studiert hat, hatte sich bereits zu Studienzeiten mit mobilen Endgeräten beschäftigt. Bereits 1999 hatte er im Rahmen seiner Diplomarbeit „iWorld“ die ersten Entwürfe mobiler Endgeräte vorgestellt – die trugen übrigens damals schon die Namen „iPad“, „iBook“ usw.. Später hatten er und sein Bruder Samuel, der in Köln Mediengestaltung studiert hat, dann Reinigungstücher für Laptop-Bildschirme entwickelt und hergestellt. Und danach entwickelten beide den iCrane – einen Profi-Kamerakran „mit dem weltweit besten Preis-Leistungs-Verhältnis“, so Carsten Waldeck. Der 47-Jährige erzählt: „In dem Zusammenhang haben wir uns mit der Produktion von Smartphones und den Herstellungsbedingungen beschäftigt. Und sind zu dem Schluss gekommen: Das können wir besser… vor allem fairer!“

Hier ist ein Teil der Shiftphone-Werkstatt zu sehen. Hier werden defekte Geräte wieder auf Vordermann gebracht.

Bei aller Fairness sollte das Waldeck’sche Smartphone aber dennoch ein High End-Produkt werden, dass sich – auch vom Design her –  mit den Apple oder Samsung Smartphones würde messen können.

Samuel Waldeck (40) füllt das Wort Fairness mit Inhalt: „Wir verzichten bei der Herstellung unserer Shiftphones auf Konfliktmaterialien wie beispielsweise Coltan, mit denen woanders Bürgerkriege finanziert werden. Unsere Telefone werden zwar in China gefertigt – dort aber unter fairen Bedingungen.“ Früher habe man extern produzieren lassen. Inzwischen haben Waldecks aber sogar eine eigene kleine Firma aufgebaut. In Hangzhou, mit dem Schnellzug rund eine Stunde von Shanghai entfernt, arbeiten zehn chinesische Mitarbeiter. „Die Arbeitsbedingungen dort kann man mit gutem Gewissen als ‘europäisch’ bezeichnen“, erzählt Samuel Waldeck, „die Arbeitszeit beträgt acht Stunden am Tag, am Wochenende ist frei. Die Bezahlung ist weit überdurchschnittlich, und unsere Mitarbeiter sind kranken- sowie rentenversichert.“ Dass es keine Kinderarbeit gebe, verstehe sich von selbst. Was die Arbeit selbst angehe, so sei auch diese nicht gesundheitsschädlich. Man verzichte auf gefährliche Stoffe. Gelötet werde quasi gar nicht mehr. „In unseren Shiftphones ist fast alles gesteckt“, so Samuel Waldeck. Mittelfristig sei auch an eine Fertigung in Deutschland zu denken.

Carsten Waldeck

Und maximale Freiheit? Carsten Waldeck: „Unsere Phones sind nicht vertragsgebunden und SIM-Lock-frei. Außerdem kann man mehrere, auch unterschiedliche SIM-Karten verwenden. Und wenn mal was kaputt geht, darf jeder das Handy öffnen und es selbst reparieren, ohne dass die Garantie verfällt.“ Dafür habe man sogar extra Erklär-Videos ins Netz gestellt. Wenn man aber nicht selbst reparieren möchte, muss man das auch nicht. Denn in den Firmenräumen in Falkenberg sitzen neben Carsten und Samuel Waldeck noch eine Handvoll junger Leute, die mit der Entwicklung neuer Produkte beschäftigt sind, im Online-Versand arbeiten oder eben bei der Handy-Reparatur helfen. Einige davon haben einen Migrationshintergrund oder sind Flüchtlinge. Was auch wieder zum Shift-eigenen
Sinnspruch passt: „Wir wollen soviel Gutes tun, wie wir können, und auf dem Weg dahin so wenig Schaden anrichten wie möglich.“

35.000 Shiftphones haben Carsten und Samuel Waldeck inzwischen verkauft. „Und die 50.000 werden wir in diesem Jahr wohl noch erreichen“, prognostiziert Carsten. Doch falls jetzt jemand denkt, dass die Waldeck-Brüder sich mit dem Verkauf ihrer Handys eine goldene Nase verdienen: Weit gefehlt. „Wir haben vereinbart, dass wir aus unserer Firma keine Gewinne entnehmen“, klärt Carsten Waldeck auf, „wir bezahlen uns lediglich ein Gehalt. Und wie hoch das ist, kann man auf unserer Homepage im Wirkungsbericht nachlesen.“ Dort ist der Umgang mit Finanzen, die Lieferketten und Rohstoffe, Projekte und Kooperationen und vieles mehr dokumentiert. Mehr als fair halt.

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