Lautloser Jäger aus der Luft

Isabell-Carolyn Schulz Harry Soremski
Falknermeister Kai Siebert geht mit Jagdhund Emma und Habichtweibchen Brocks auf Pirsch.

Während das satte Grün aus Blättern und Wiesen gewichen ist und sich der Himmel über einem weitläufigen Feld nahe Grebenstein grau getrübt zeigt, fokussieren stechend gelbe Augen klar und leuchtend schon ihre Beute: Vom widerstandsfähigen Lederhandschuh schwingt sich Habichtweibchen Brocks mühelos in die Luft auf und stürzt sich präzise auf ein Wildkaninchen, das noch versucht über das Feld zu fliehen – hoffnungslos. Die scharfen schwarzen Krallen des Grifftöters schlagen sich binnen weniger Augenblicke in das chancenlose Tier.

„Der Habicht ist kein Mäusefänger. Er fängt sich seine Beute immer selbst, bevorzugt Kaninchen oder Hasen und reagiert erst auf seine Beute, wenn sie sich bewegt,“ erzählt der nordhessische Falknermeister Kai Siebert, der seit 1992 Habichte hält und mit ihnen auf die sogenannte Beizjagd geht. Brocks ist dabei das sechste Jagdtier des Falkners. Kai Siebert begleiten neben dem Vogel und seinem Deutsch-Drahthaar Jagdhund Emma, die zunächst Büsche absucht und Kaninchenbauten anzeigt, auch wendige Frettchen. Letztere treiben das Kaninchen aus dem Bau und sobald Brocks schließlich zum Einsatz kommt, geht plötzlich alles ganz schnell.

„Wenn mein Habicht die Beute in seinen Fängen hat, muss er einem Tausch zustimmen, denn umso mehr man ziehen würde, desto fester würde er das Wild greifen. Er bekommt sein erlegtes Tier niemals entrissen,“, sagt der 50-Jährige, der bereits mit Mitte 20 seinen Jagd- und Falknerschein gemacht hat.

Um das Kaninchen zu bekommen, nähert sich Kai Siebert dem Habicht mit blankem Fleisch, das er bei der Jagd immer in seiner Falknertasche mit sich führt. Brocks kann dann einfach von der Beute auf den Handschuh mit dem Fleischstück überwechseln. Gleichzeitig bedeutet das aber auch, dass der Falkner nie weiß, ob der Tausch tatsächlich von statten geht und wie erfolgreich seine geplante Jagd ausgeht. In der Jahrhunderte alten, vor allem vom damaligen Adel geschätzten Jagdform liegen aber auch zahlreiche Vorteile begründet.

„Habichte haben ein besonderes Temperament und jagen auch ein bisschen mit Lust. Dabei besitzen sie eine unglaubliche Reaktionsschnelle und diese natürliche Art der Jagd ist nicht nur sehr leise, sondern auch gefahrlos für Menschen“, betont Kai Siebert, der Mitglied des 1921 gegründeten Deutschen Falkenordens ist.

Rund drei Mal pro Wochenende bricht Kai Siebert in der Jagdzeit vom 1. Oktober bis 31. Dezember mit seinen Tieren auf und kehrt mit maximal vier erlegten Wildtieren von einer Beizjagd zurück. Obwohl Brocks, die 25 bis 30 Jahre alt werden kann, ein Wildfang aus der Heide ist, kehrt sie immer wieder zu ihrem Jäger zurück. Diesen Prozess hat das Tier in seinem Training erlernen müssen, es weiß aber auch, dass sein Halter ihm ein Nest bietet und ihm seine erjagte Beute zugesteht.

Mit Fleischbrocken lockt Falknermeister Kai Siebert das Habichtweibchen Brocks nach der Flugrunde zurück auf seinen Handschuh. Dieser ist ein wichtiger Teil der Ausrüstung: Ist er nicht robust genug, würden die messerscharfen Krallen des Vogels die Hand schwer verletzen.

„Habichte sind nicht ganz auf Menschen geprägt und haben ihren eigenen Willen. Das Gute bei einem wild gefangenen Jungvogel ist zwar, dass er schon jagen kann und die Natur kennt, er ist aber auch menschenscheuer“, erklärt Siebert und verrät, dass Habichte die einzigen Vögel sind, die in Deutschland noch der freien Wildbahn entnommen werden dürfen. Ergreift Brocks bei einer Beizjagd die Flucht oder fliegt in einen Baum, kann sie der Falkner durch einen Sender am Stoß orten oder mit einem Federspiel zurück locken.

Zudem ist der Habicht durch kleine Glöckchen am Bein stets hörbar. Außerhalb der Beizjagdsaison, die von Bundesland zu Bundesland variiert, lebt Brocks von Februar bis September mit einem weiteren Habicht in einer 3 mal 4 Meter langen und 2,5 Meter hohen Voliere auf Kai Sieberts Grundstück und verspeist Tauben, Hühnchen, Eintagsküken und Kaninchen. Auch zu internationalen Falknertreffen in Polen, Österreich, Schottland oder auf Norderney haben die beiden Habichte ihren Falkner schon begleitet.

„Das Ganze ist eine Freizeitbeschäftigung, die einen schon das ganze Jahr fordert. Viele fasziniert es schlichtweg einfach einen Greifvogel zu besitzen, mir geht es aber vor allem um das ganze Zusammenspiel von Mensch, Vogel und Hund. Das macht für mich den Reiz an der Jagd mit einem Greifvogel aus“, sagt Kai Siebert.