Kulturgut und gute Kultur – Markus Knierim und das Theaterstübchen

Marcel Ehrig Harry Soremski
Hinter ihm die Unterschriften der Jazz-Stars. Seit 23 Jahren führt Markus Knierim dasTheaterstübchen.

Kassel ist Kunst. Kassel ist Kultur. Kassel ist aber eben auch Jazz-Metropole. In Markus Knierims Theaterstübchen spielten schon Größen wie Ron Carter, Joshua Redman und Till Brönner. Knierim muss schon lange keine Anfragen mehr an Künstler schicken, sie wollen in seinem Theaterstübchen spielen. Bis dahin war es aber ein langer Weg.

Und wenn sein Club nicht in Kassel existieren würde, könnte sich Markus Knierim sein Theaterstübchen in seiner jetzigen Form in Los Angeles vorstellen – rein hypothetisch natürlich. Steigt man allerdings die Stufen hinab ins Theaterstübchen, ist das Licht gedimmt, das Mobiliar schlicht, klassisch, schwarz und man könnte gerade auch in einem Jazz-Club in New Orleans oder eben Los Angeles sein.

„Ich habe den besten Job der Stadt“

An den gelben Wänden haben sich die zahlreichen Größen der Szene verewigt. Die Atmosphäre im Theaterstübchen, die Reaktionen der Gäste, die die Künstler in deren Gesichtern ablesen können, eben weil sie nur ein paar Meter von der Bühne entfernt sitzen: Momente wie diese sind es, die das Theaterstübchen so einzigartig machen.„Ich habe den schönsten Job der Stadt“, sagt Knierim und erklärt zugleich warum: „Alle sind glücklich, wenn sie nach Hause gehen – die Künstler und die Gäste.“

Markus Knierim holt die Jazz-Elite in sein Theaterstübchen.

Seit 23 Jahren führt er das Theaterstübchen, hat Kassel langsam aber sicher zu einer Jazz-Metropole und seinen Club zu einer Institution gemacht. „Mit Lesungen fing alles an. Der Laden war dekoriert mit Schauspielrequisiten – ich hatte eben eine gute Verbindung zum Theater“, erinnert sich Knierim. Schauspieler und Gäste kamen nach den Aufführungen im Staatstheater in sein Lokal, das damals noch am Steinweg war.

Weiter ging es im heutigen „Il Teatro“. Dort war alles ein bisschen größer, es gab mehr Veranstaltungen, die Artisten vom Zirkus Flic-Flac gingen ein und aus. Im Februar 2000 zog er in die Jordanstraße, wo das Theaterstübchen noch heute seine Heimat hat. Ärger mit der Gema und der Künstlersozialkasse hätten fast das Aus des Theaterstübchens bedeutet. Kultur ist eben Luxus, wie es Knierim beschreibt.

Mit dem Cadillac ins Theaterstübchen

„Es war ein Prozess und ein langer Weg zum Theaterstübchen, so wie man es heute kennt“, sagt Knierim. In diesem Jahr finden hier rund 260 Veranstaltungen statt. Knierim ist immer mit dabei. Die Künstler holt er mit seinem Cadillac aus den 50er Jahren ab. „Ich mag dieses Zeitfenster der 50er und 60er Jahre und den Cool Jazz einfach. Und wenn ich die Künstler mit diesem Auto abhole, ist das Eis sofort gebrochen“, sagt er und lacht.

Hätte man ihm vor zehn Jahren gesagt, dass Ron Carter mal in seinem Club zwei Alben aufnehmen würde oder Zuschauer aus anderen Ländern ins Theaterstübchen kommen, um zum Beispiel Aziza Mustafa Zadeh zu sehen – „ich hätte jeden für verrückt erklärt“, sagt Markus Knierim.

Die meisten Künstler, die ins Theaterstübchen kommen, sind schon feste Größen in der Musikszene. Beim Festival „Kassels kulturelle Vielfalt“ bekommen junge, heimische Künstler eine Chance. Der Jazzfrühling, die BluesWoche und das Jazzfest findet man in jedem Veranstaltungskalender. Live-Programm in einer 200.000 Einwohner-Stadt? Während die Kasseler Ausgehkultur ein wenig kränkelt, geht dieses Konzept im Theaterstübchen auf.

Und wenn man Markus Knierim dann in seinem Oldtimer durch Kassels Straßen fahren sieht und dabei Musik aus den 60er Jahren hört, weiß man: Im Theaterstübchen gibt es heute wieder feinsten Jazz, getreu dem Motto des Clubs: „Kulturgut erhalten und gute Kultur veranstalten.“