Kult-Kino: Peter Unter l(i)ebt sein Burgtheater

Julian Klagholz Harry Soremski
Magazin 34, Kino, Burgtheater

Auf seiner Leinwand ist Michael J. Fox als Marty McFly im DeLorean Mitte der 80er „Zurück in die Zukunft“ gebrettert. Gut 20 Jahre später hat sich an selber Stelle ein gewisser Harry Potter per Zeitumkehrer in die Vergangenheit geschlichen. Bei Peter Unger gehen jedoch nicht nur die Kinohelden auf Zeitreise. Der Betreiber des Treysaer Burgtheaters nimmt seine Besucher tatsächlich mit auf eine Reise in die Vergangenheit – zurück in die 50er Jahre. Es war sein Großvater Franz Petri, der während der goldenen Kino-Ära – der Zeit von Elizabeth Taylor, Kirk Douglas, Tony Curtis und Audrey Hepburn – die Filmstars in die Schwalm brachte. 1955 eröffnete er das kleine Burgtheater. Enkel Peter, der das Kino seit mittlerweile über 30 Jahren führt, hat bis heute den alten Charme erhalten.

Nostalgie vom Keller bis unters Dach: Im Projektorraum ist noch vieles genauso wie vor 60 Jahren. Der Projektor war bis
2013 in Betrieb. Aber auch noch heute lässt Peter Unger das wuchtige Gerät ab und zu laufen.

Wenn die 230 blau-gepolsterten Kinosessel reden könnten, sie wüssten sicher von zahlreichen Liebesgeschichten zu berichten, die hier im Burgtheater ihren Anfang gefunden haben. Hier in diesem einen Kinosaal, in dem die Zeit still zu stehen scheint. Die mit Stoff besetzten und holzvertäfelten Wände mit den wuchtigen goldenen Leuchten versprühen echtes Retro-Flair. Hier ist nahezu alles unberührt geblieben. Die Nostalgie ist nicht konstruiert, sie ist echt.

Und genau das ist es, was Ungers Burgtheater in der ländlichen Schwalm zu einer echten Perle macht. „Die Leute kommen gerne hierher, weil das Kino diesen gewissen Charme hat und sich so von den großen Betreiber-Ketten absetzt“, erzählt der 57-Jährige.

 

Magazin 34, Kino, Burgtheater

Mit 26 Jahren hat er das Burgtheater 1988 von seinen Eltern Lothar und Brundhilde übernommen. Die brachen damals ihre Zelte in Schwalmstadt ab und wanderten nach Spanien aus. „Meine Eltern haben mir die Wahl gelassen, das Kino weiterzuführen“, sagt der 57-Jährige, der zuvor seine Brötchen im Handwerk als Elektriker verdient hatte. Den Job-Wechsel habe er bis heute keinen einzigen Tag bereut. Unger räumt aber auch ein, dass man doch viel Liebe zum Film mitbringen müsse. „Du musst absoluter Enthusiast sein, sonst kannst du das Ganze abhaken“, betont der Betreiber.

Handwerkliches Geschick war in der Vergangenheit jedoch auch im Burgtheater gefragt. Etwa wenn die Projektoren, Baujahr 1954, streikten. Einer davon steht noch heute, über den Köpfen der Besucher, im Projektorraum und ist noch voll funktionsfähig. Schon Opa Franz hat hier Filmrollen, damals noch aus hochbrennbarem Zelluloid eingelegt. „Ab und zu wird er noch benutzt, im Alltag haben wir jedoch vor gut sechs Jahren auf digitale Technik umgerüstet“, erklärt Unger. Das vereinfache vieles. So reiche heute ein Klick aus, wo früher aufwendig Filmrollen gewechselt werden mussten. Dem Ambiente hat die Umstellung ebenfalls nicht geschadet.

Loge oder Sperrsitz: Der Kasse im Burgtheater sind die Betriebsjahre ebenfalls anzusehen. Doch genau dieser Charme lockt die Kunden in Ungers Kino.

Trotz der Konkurrenz ist Unger dennoch zufrieden mit den Besucherzahlen in Treysa – gibt aber auch zu, dass es zu seinen Anfangszeiten mehr Leute ins Burgtheater gezogen habe. Die Mischung macht’s: „Wir zeigen auch viel Film-Kunst und Genre-Filme – dazu pflegen wir Kooperationen mit zahlreichen Schulen aus dem ganzen Schwalm-Eder-Kreis sowie Filmvorführungen mit Vorträgen oder auch kulinarisches Kino mit Essen“, erzählt der Film-Fan. Doch auch die großen Blockbuster dürfen im Programm von Unger nicht fehlen. „Allein mit Film-Kunst geht’s nicht“, gibt der Kinobetreiber zu.

Film ab: Der Projektor, Baujahr 1954, ist noch voll funktionsfähig.

Trotz modernster Technik verbringt der 57-Jährige wöchentlich bis zu 70 Stunden in seinem Burgtheater. Neben drei Aushilfen, könne Unger dabei vor allem auf die Unterstützung von Frau Rosi und der 14-jährigen Tochter Paula bauen. Ob der Nachwuchs allerdings, wie einst der Vater, das Burgtheater weiterführt, stehe noch nicht fest. „Mit 14 ist man doch noch etwas zu jung, um sich beruflich festzulegen. Paula interessiert sich sehr für Filme und das Kino. Am Ende ist es ihre freie Entscheidung“, betont Unger. Er selbst denkt jedenfalls noch nicht daran, die Kino-Kasse zu schließen. „Sechs Jahre mache ich locker noch“, ist der Film-Liebhaber überzeugt.