Kreativwirtschaft Nordhessens: Vernetzen und verweben

Victor Deutsch Harry Soremski
Andrea Nehring, Ansprechpartnerin bei der IHK für die Kreativwirtschaft. Foto: Soremski

Sie sitzen auf dem von tausenden Bocksprüngen abgegriffenem Leder alter Turngeräte oder fläzen sich in Polsterkonstruktionen, die einem Ausstatter trashiger SciFi-Filme Tränen des Glücks in die Augen treiben: Frauen
und Männer aus großen Wirtschaftsunternehmen, die fernab ihrer Konzernzentralen, von Krawatten und Denk-Fesseln
befreit, neue frische Ideen für ihre Arbeit entwickeln wollen.

Das Schürfen nach Kreativität wird mit gleichem Aufwand getrieben, wie dem nach Gold. Das lässt erahnen, wie wert-
voll diese ist. Bei der IHK beschäftigt sich seit 2016 Andrea Nehring mit der Kreativwirtschaft in der Region. Und den
Möglichkeiten, diese zu fördern und mit klassischen Wirtschaftszweigen zu verknüpfen. „Große Unternehmen haben schon seit längerem Kontakt zur kreativen Szene gesucht und lassen sich ganz bewusst auf neue Denkweisen ein“, weiß Andrea Nehring. Mittelständler haben es da schon schwerer, sich oben genannten Szenarien auszusetzen, um neue Wege zu ergründen. Dabei bieten sich gerade in Kassel und der Region dafür zig Möglichkeiten.

Die documenta-Stadt hat nicht nur eine hohe Museumsdichte, sie ist auch geradezu ein Tummelplatz für eine kreative
Szene. Groß genug, um sich zu entfalten und klein genug „um schnell Sichtbarkeit herzustellen“, wie Andrea Nehring
sagt. Das sei für viele Kreativschaffende jedoch noch ein Problem. Einer ihrer Ansatzpunkte, den sie in ihrer Funktion als Ansprechpartnerin für die Kreativwirtschaft verfolgt: „Wir wollen die Akteure erkennbar machen. Erst dann ist es möglich Schnittstellen zu entdecken und zu entwickeln.“

Dabei würde sie die Vermittlerposition, zuweilen gar eine Dolmetscherfunktion, einnehmen. „Kreative und Wirtschaftsleute bewegen sich häufig auf unterschiedlichen Sprachebenen.“   Sie hingegen trage das Dreieck Wissenschaft-Kunst-Wirtschaft in sich – der kurze Ausriss aus dem Lebenslauf belegt das: aufgewachsen in einem kleinen Ort nahe der Lutherstadt Wittenberg schloss sie ein Biotechnologie-Studium in Bielefeld ab. Kurz vor der angestrebten Promotion kam der laute Ruf der inneren Stimme. „Es will noch etwas anderes in mir wach werden“. Der eigene kreative Kosmos, der bis dahin im Schreiben und der Fotografie eine Heimat gefunden hatte, fand an der Kasseler Kunsthochschule 2007 neuen Entwicklungsraum und Andrea Nehring schloss als Bildende Künstlerin ab. 2014 verließ sie Kassel in Richtung Wien – um nur zwei Jahre später in der Region anzukommen, „deren Innovationskraft mich permanent hat staunen lassen.“

Auch die Industrie- und Handelskammer Kassel-Marburg hatte sich innovativ gezeigt: Nachdem die Bundesregierung
vor zwölf Jahren die Initiative für die Kreativwirtschaft ins Leben gerufen hatte, war die Kasseler Kammer bundesweit
die erste, die den Bereich mit einer eigenen Stelle besetzte. Man hatte den Stellenwert erkannt, den der Bereich im Wirt-
schaftsleben einnimmt und der per Definition sich aufteilt in Software & Games, Werbung, Presse, Design, Architektur,
Film, Literatur, Musik, Theater & Tanz, Rundfunk und Kunst. Die 20.500 Unternehmen der hessischen Kultur- und Kreativwirtschaft generieren einen Umsatz von rund 13,8 Milliarden Euro – und schaffen ganz nebenbei einen wichtigen Beitrag zum Standort-Image.

„Die Kreativwirtschaft zeichnet sich durch eine Ballung von Andersdenkenden mit mehr Mut und Offenheit aus, die be-
reit sind ein Wagnis einzugehen“, erklärt Nehring. Genau diese Eigenschaften seien es, die über Exkursionen ins kreative Umfeld oder durch Kooperationen zwischen Wirtschaft und Kreativen angeregt würde.

„Die Lust am Spiel ist in unseren etablierten Arbeitswelten verloren gegangen. Aber genau die bringt die Kreativwirtschaft mit: Wir brauchen also den Mut für neue Schritte“, analysiert Andrea Nehring und berichtet von einer Zusammenarbeit des Kasseler Traditions-Unternehmens Technoform mit der Kasseler Musikakademie. „Der Austausch mit den Musikern war eindrucksvoll und inspirierend für die Mitarbeiter: Wie begegne ich einem neuen Stück? Wo lege ich meine Leidenschaft hinein? Da konnte jeder viel mitnehmen – und ein ganz besonderes, weil sehr privates, Konzert erleben.“
Kreativer Input also beflügelt. Andrea Nehring verfolgt die Idee, lädt zu „Unternehmenskultur vor Ort“, um neue Sicht-
weisen eröffnen und Denkanstöße zu setzen. Und lädt bei der „Neuen Pausenkultur“ zur kleinen Mittags-Tour zu ei-
nem ausgewählten Kreativstandort.

Während sich die Kulturschaffenden gut organisiert hätten, fehle es in anderen Bereichen der Kreativwirtschaft an at-
traktiven Plattformen. „Wir haben hier ein riesiges Potenzial“, weiß Nehring. „Doch häufig bleibt man unter sich, das
Verbindende, das Element des Fließens fehlt, manchmal auch die Kommunikation untereinander.“ Hinzu komme das Problem, sich in voller Größe zu zeigen. „Dabei ist es ein altes Ritual: Menschen kommen zusammen und erzählen sich Geschichten: Ob am Lagerfeuer, an der Dorflinde oder am runden Tisch: Wer die berührendste Ge schichte erzählt, bleibt in Erinnerung. Wir benötigen also andere Netzwerkformate, die grenzüberschreitend Interesse finden.“ Nur dann könne diese Wachstumsbranche, Im pulsgeber für andere Wirtschaftszweige und Triebfeder für

Innovation, ihr ganzes Potenzial ausspielen.