Kasseler Vikonauten: Unter der Erde erwacht die Stadt

Thomas Lange Harry Soremski

Vergessene Gewölbe, verschüttete Gänge und unbekannte Keller – unter der Erde der Stadt Kassel gibt es mehr zu erkunden, als auf den ersten Blick zu ermuten. Unterirdische Geheimnisse versuchen die Mitglieder des Vereins „Vikonauten“ zu lüften – und stoßen dabei immer tiefer in die längst vergessene Geschichte der Stadt vor.

Unter der Erde der Stadt Kassel gibt es Einiges zu erkunden. Fotos: SoremskiUnter der Erde der Stadt Kassel gibt es Einiges zu erkunden.

Helm und Taschenlampe gehören zur Ausrüstung wie feste Schuhe und ein bisschen Mut. Wer an einer Eingangstreppe in den Kasseler Untergrund steht, ahnt: Hier weht ein Hauch von Abenteuer durch die feuchte Luft.

Über eine Treppe führen Tom Gudella und Bernd Tappenbeck vom Verein „Vikonauten – Kassel total“ ihre Besucher unter Kassels Häuser, Parks und Straßen. Eiskeller, Stollen, Bunker und Gewölbe – das sind die Areale der „Untergrund-Forscher“. Lange vergessene Orte erwecken die Männer und Frauen der Vikonauten wieder zum Leben, müssen sich teilweise durch Schutt graben oder verbaute Gänge freilegen. „Kassel bietet unter der Erde wahnsinnig viel“, erklärt Bernd Tappenbeck, Vorsitzender des Vereins. Verschollene Gänge, unterirdische Lagerräume, vergessene Keller: „Längst ist nicht alles erforscht und erschlossen“, sagt Tappenbeck. Dass sich das ändert – dafür setzen sich er, Gudella und die anderen Vikonauten ein. Sie durchstöbern Archive nach Karten, hören – wenn vorhanden – Zeitzeugen an, vergleichen Baupläne von anno dazumal mit denen von heute.

Überbleibsel längst vergangener Zeiten: Von alten Toiletten bis zu verschollenen Stollen. Überbleibsel längst vergangener Zeiten: Von alten Toiletten bis zu verschollenen Stollen.

Bereits im Jahr 2008 startete der Verein, damals als Jugendprojekt. 2012 änderte sich das Konzept und die Vikonauten begannen, gezielt nach Orten zu suchen und diese für Besucher zugänglich zu machen. Veranstaltungen und Führungen folgten. Inzwischen sind über 40 unterirdische Orte aus ihrem Schlaf erweckt und bespielt worden: Mit Lesungen, Theatervorführungen, Konzerten und bei historischen Rundgängen. Erst durch die freiwillige Arbeit der Ehrenamtlichen des Vereins wurden diese Orte begehbar und ließen sich viele Geheimnisse entlocken: Vom Eisenhaken aus den frühen Jahren des 19. Jahrhunderts, über traurige Reste der Weltkriegszeit, zu Relikten aus dem Kapitel des Wiederaufbaus der Stadt. Örtlichkeiten, die in Vergessenheit gerieten – und nun sanft geweckt werden.

Ohne Taschenlampe geht unter der Erde nichts: Die Vikonauten Bernd Tappenbeck und Tom Gudella (re.).Ohne Taschenlampe geht unter der Erde nichts: Die Vikonauten Bernd Tappenbeck und Tom Gudella (re.).

„Etwa 600 Schüler, haben wir bereits Kassels Unterwelt gezeigt. Das Interesse, Geschichte auf diese Art zu erleben, ist groß“, erklärt Tom Gudella. Er und Mitstreiter Bernd Tappenbeck sehen in ihrer Arbeit besonders mit Schülern einen pädagogischen Sinn: „Wir stellen die Frage, was Geschichte mit der Gegenwart zu tun hat“, sagen sie. Und wer die Überbleibsel alter Weltkriegs-Gasmasken in den ehemaligen Bunkern sieht, wer einen Blick in historische Eiskeller wirft oder sich auf Spurensuche in vergessene Katakomben begibt, merkt: Hier lebt Stadtgeschichte auf. Wenn auch erst auf den zweiten Blick sichtbar. Aber immer mit einem Hauch Abenteuer versehen.

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