Kasseler Stadthonig: Es summt auf Kassels Dächern

Kristina Bräutigam Florian Eisermann

Um sich seinen Mädels zu nähern, braucht Victor Hernández drei Dinge: Ruhe, einen Stockmeißel – und manchmal etwas Rauch. Der lässt die Bienen glauben, es gibt einen Waldbrand, sie füllen dann ihre Bäuche mit Honig, sind abgelenkt und lassen Victor Hernández gewähren. „Heute sind sie ganz brav“, sagt der 38-Jährige, während er vorsichtig eine Wabe aus dem braunen Brutkasten zieht. Victor Hernández ist Imker. Und zwar ein ganz besonderer: Nicht auf der grünen Wiese wird sein Honig produziert, sondern auf verschiedenen Dächern mitten in der Kasseler Innenstadt. Mit zwei Bienenvölkern im Frühjahr 2012 gestartet, ist Victor Hernández heute stolzer Besitzer von 70 Völkern, aus denen er den „Kasseler Stadthonig“ gewinnt.

Zwar hatte der gebürtige Spanier, der sich selbst als Genießer bezeichnet, schon Erfahrung mit der Herstellung von Wurst und Rohmilch-Käse. Als er dann auch noch einen Angelschein machte, meinte eine Freundin von ihm, er solle doch lieber weiter vegetarische Projekte verfolgen und schlug ihm die Imkerei vor. Denn in Prag hatte sie das Projekt Stadthonig kennengelernt und Victor Hernández davon berichtet. Trotz anfänglicher Zweifel beginnt er zu recherchieren, liest von Stadt-Imkereien in Berlin, Paris, Sydney und New York. Nur in Kassel gab es zuvor noch keine Stadtimkerei. Er verschlingt Fachliteratur, holt sich Rat beim Kasseler Imkerverein, absolviert Lehrgänge, kauft sich schließlich zwei Bienenstöcke und stellt diese auf sein Wohnhaus in der Nordstadt. Ein Jahr später hält Victor Hernández, der hauptberuflich in der Unternehmenskommunikation arbeitet, sein erstes Glas Kasseler Stadthonig in den Händen. Ein toller Moment, hinter dem viel Arbeit steckt. „Bienenhaltung ist eine so komplexe und anspruchsvolle Tätigkeit, die man nicht unterschätzen darf. Sonst sterben die Mädels.“, sagt Victor Hernández.

Florian Eisermann

Dass sein Honig nicht auf der grünen Wiese sondern an einer der meistbefahrenen Straßen Kassels produziert wird, schadet dem Produkt nicht. Ganz im Gegenteil: „Auf den umliegenden Balkonen und dem Hauptfriedhof mit seinen Sträuchern, Bäumen und Blumen finden meine Mädels einen reich gedeckten Gabentisch.“ Und auch wenn der Honig fast immer schnell ausverkauft ist: Auf Masse produzieren will der 38-Jährige nicht. „Ich bin und bleibe eine Honig-Manufaktur. Mir geht es um das Naturerlebnis Biene, den Naturgenuss Honig und den aktiven Naturschutz für unsere Region.“ Um Gewinne zu erwirtschaften, müsste Victor Hernández mindestens 300 Völker besitzen. Da bleibt er lieber Imker aus Leidenschaft und schraubt statt dessen weiter an der Qualität. So ist er seit 2016 Bio-zertifiziert.

Victor Hernández ist mittlerweile stolzer Besitzer von 70 Bienenvölkern. Fotos: Florian EisermannVictor Hernández ist mittlerweile stolzer Besitzer von 70 Bienenvölkern.

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