Kassel war eine Herz-Entscheidung

Jens Thumser Giancarlo Pradelli

Zum Ende dieser Saison ist Halbzeit, dann sind zwei Jahre seines Vertrages in Kassel bereits vergangen. Francesco Angelico ist seit 2017 als Generalmusikdirektor am Staatstheater in Kassel und wir trafen den Leiter des Staatsorchesters kurz nach der Premiere des zweiten Teils von Wagners Ring, „Die Walküre“. Eines steht zum jetzigen Zeitpunkt schon fest, nämlich dass der Intendant in zwei Jahren ein anderer sein wird. Aber ob Angelico darüber nachdenkt, seine Zeit in Kassel zu verlängern, das hängt nicht zuletzt auch davon ab, wer auf dem Posten von Thomas Bockelmann folgt. Denn das ist schließlich der erste Ansprechpartner für den Generalmusikdirektor.

Bei seinem Vordirigat Anfang 2017 stimmte für Angelico vom ersten Moment an die Chemie mit dem Orchester. „Es war Dvořáks 9. Sinfonie und wir haben uns ja nie zuvor gesehen. Aber ich habe es gespürt. Die Offenheit, die Ernsthaftigkeit, die Motivation.“ Und sein Gefühl hat ihn nicht enttäuscht, wie er nach fast zwei Jahren der Zusammenarbeit mit dem Staatsorchester versichert. Man spürt regelrecht die Leidenschaft des Italieners für seine Musiker, wenn er von ihnen berichtet. „Man muss den Willen haben, auf hohem Niveau spielen zu wollen. Auf beiden Seiten. Ich habe diesen Willen. Und ich spüre ihn deutlich auch im Orchester. Das ist fabelhaft.“ Doch er erinnert sich noch gut daran, wie er mit Wagners Ring haderte. Schließlich stand bei Vertragsabschluss schon fest, dass das Staatstheater um Regisseur Dietz und Intendant Bockelmann die Tetralogie auf die Bühne bringen werden. Der 41-Jährige dachte zuerst, es sei zu früh für ihn – schließlich ist es kein leichter Stoff. „Der Ring ist etwas Großes! Er ist Risiko und Chance zugleich!“, ordnet der Italiener den Opernzyklus von Richard Wagner ein. Angelico bleibt dabei aber bescheiden und anspruchsvoll zugleich. Er spricht mit Begeisterung und Anmut über die Musik, die Musiker und das Haus. Euphorie wechselt sich mit Ernsthaftigkeit ab und es gelingt ihm gekonnt, diese vermeintlichen Widersprüche in ihm als Person meisterlich zu vereinen.

Angelico kannte Regisseur Markus Dietz nicht und wusste: „Wenn ich den Ring mache, dann bin ich über die nächsten Jahre mit ihm verheiratet.“ Aber nach reiflicher Überlegung hat sich der Dirigent bewusst für Wagner und die Nibelungen entschieden. Denn er hat ein Willkommen gespürt, vom Orchester, vom Chor – vom ganzen Theater. „Wenn, dann schaffe ich das mit genau diesem Orchester!“, gesteht er. Und so führte ihn sein Weg vom Tiroler Symphonieorchester Innsbruck vor knapp zwei Jahren nach Kassel. Und seine Frau brachte er natürlich mit. Anfang September des vergangenen Jahres kam dann der gemeinsame Sohn in Kassel zur Welt. „Ein Kasselaner, wie ich gelernt habe“, schmunzelt der Sizilianer. Seine Frau teilt die Leidenschaft zur Musik als Pianistin und Korrepetitorin und arbeitet ebenfalls am Staatstheater in Kassel. Die drei wohnen in Wilhelmshöhe und sie lieben den Park, den Rammelsberg und die Fachwerkhäuser in Kirchditmold. Aber geerbt aus seiner eigenen Familie hat der Generalmusikdirektor die Leidenschaft für die Musik nicht, wie er zugibt.

Seine Mutter ist Lehrerin und der Vater war Erzieher. Beide mögen Musik, aber Angelicos erste Bemühungen blieben zunächst unentdeckt. „Ich hörte klassische Musik von den Schallplatten meines Vaters in seinem Arbeitszimmer. Und die Bücher im Regal stellten für mich das Orchester dar und ich dirigierte es!“ Man glaubt es ihm aufs Wort. Schon zu dieser Zeit fasste er den Entschluss, Dirigent zu werden. Doch es dauerte tatsächlich weitere acht Jahre, bis er begann mit dem Cello sein erstes Instrument zu lernen. Ab diesem Zeitpunkt erhielt er aber jede denkbare Unterstützung von seinen Eltern. Seine drei Geschwister übrigens teilen zwar in unterschiedlicher Art die Liebe zur Musik, haben aber ganz klassische Berufe ergriffen. Seine ältere Schwester spielt Schlagzeug in einer Band, Geld verdient jedoch nur Angelico mit der Musik. Eigentlich hätte er aber Komiker werden müssen, gesteht er. Die Musik habe ihn nur „geraubt“ beschreibt er es schelmisch. „Zuhause – und ab und zu auch in der Probe – kommt das Komische zum Vorschein. Wenn das Orchester lacht, dann bin ich glücklich. Lachen ist eine sehr ernsthafte Sache!“ Und im nächsten Leben wäre er gern ein Clown, erzählt er.

„Ich muss mindestens einmal im Jahr nach Sizilien – es geht gar nicht anders“, und seine Augen leuchten, wenn er von der italienischen Stiefelspitze erzählt. Stellen Sie sich diesen schwarz-gelockten Italiener vor, wie er die typische Geste vollzieht: Alle Fingerspitzen der rechten Hand eng zusammen geführt wippt diese Hand vor der Brust und er sagt (mit rollendem R, natürlich): „Wenn ich das nicht mache – ich glaube, ich sterrrrrbe…!“ Und das will ja keiner, darum sei ihm der Aufenthalt in der Heimat auch gegönnt. Zumal er als Dirigent in jedem Fall keinen Nine-to-Five-Job hat. Arbeitszeiten werden – vornehm ausgedrückt – sehr flexibel gehandhabt. Darum verbringt er jede freie Minute am liebsten mit seinem Sohn und seiner Frau zu Hause, auf dem Balkon – mit einer guten Zigarre, selbstredend. In seinem Job trifft er ständig hunderte neue Menschen – wichtige Entscheider, verrückte Künstler, faszinierte Förderer. Und da er, wie er von sich selbst sagt, auch verrückt ist, ist Normalität für ihn das Schönste. Das erdet die Familie. Und nicht zuletzt kennt auch das Unnormale die Ausnahme, die ebenso etwas Besonderes darstellt. Gemeint sind die zahlreichen Gastspiele des Orchesters außerhalb des Staatstheaters. Angelico ist sehr angetan von den verschiedenen Spielorten, die alle ihren Reiz haben. Jeder Ort ist für sich anders. Jeder Ort spricht ein anderes Publikum an. Jeder Ort braucht ein anderes Repertoire. Von der Martinskirche ist er besonders begeistert. „Es ist regelmäßig ein wunderbares Ereignis, dass wir mit dem Orchester hier zu Gast sein dürfen“, freut sich Angelico. Und er hält es für sehr wichtig, dass sie an vielen Orten der Stadt spielen können. Das bringt den Menschen die Musik und die Kultur näher. „Es ist wichtig, dass das Orchester anwesend ist in der Stadt“, beschreibt er seine Position dazu, „damit das Publikum die Haltung und auch die Vielfalt des Orchesters kennenlernen kann!“

Dieser Satz beschreibt Angelicos Einschätzung sicher am besten, wenn er nun rückblickend auf das Rheingold und die Walküre, den ersten beiden Teilen des Nibelungenwerks schaut. Die nationale Presse war begeistert, zahlreiche Fachjournalisten haben sich nicht mit Lob zurückgehalten. So schrieb zum Beispiel die Süddeutsche: „Wer Richard Wagners Walküre eindringlich erleben (…) will, muss jetzt nach Kassel reisen.“ Doch es war kein Spiel, bei dem man Glück brauchte – es war letztlich das Ergebnis harter Arbeit von allen Beteiligten: Schauspieler, Bühnenbild, Chor, Sänger, Orchester, Regisseur und nicht zuletzt: des Dirigenten. Ein Räderwerk, das perfekt ineinandergreifen muss. „Man muss es richtig machen – oder gar nicht!“, stellt Angelico klar. Mit dieser Klarheit hat er auch Intendant und Fördergesellschaft überzeugen können und breite Unterstützung erhalten, für die er sehr dankbar ist. Zum Abschluss unseres Gesprächs überrascht uns der Intaliener nochmal mit einer Herzensangelegenheit. Auf die Frage, mit wem er mal gern ein paar Tage tauschen würde, gesteht er uns nach ebenso stummer wie gründlicher Überlegung: mit den Fischern vor der sizilianischen Küste. Die Liebe zum und der Respekt vor dem Meer faszinieren den charismatischen Dirigenten.

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