Juwel aus der Nachkriegszeit: Die Ekstase Bar

Rainer Hahne Harry Soremski

Für Nachtschwärmer gab es im Kassel der Nachkriegszeit eigentlich nur eine Anlaufstelle. Zu später Stunde ging es in die „Melodie Bar“, später Ekstase Bar – bis in die 90er Jahre. 34 Das Magazin hat herausgefunden, dass die Einrichtung über Jahrzehnte hinter längst verschlossenen Türen erhalten geblieben ist. Nicht nur älteren Herren öffnen wir ein Fenster in die Vergangenheit. Da werden Erinnerungen wach…

Es gibt Momente, da traut man seinen Augen nicht. In den 90er Jahren wurde die Ekstase Bar neben der Volksbank Kassel-Göttingen geschlossen. Seitdem hatte das Inventar ungestört hinter verschlossenen Türen vor sich hingeschlummert – erinnert irgendwie an das Dornröschenschloss mit seinen Rosenhecken. Über 20 Jahre später hat man uns die Tore wieder geöffnet und wir haben einen großen Zeitsprung gemacht in die Welt unserer Väter – und Großväter. Der Grund: Das Gebäude, das die Bar solange fast unbemerkt beherbergt hatte, wird abgerissen und durch einen Neubau ersetzt. Da wurde bekannt, dass die Bar mit ihrem Mobiliar dort all die Jahre überlebt hatte. Eine lange geschwungene Bar, eine doppelte Glastrennwand, die die Bar von dem Tanzraum getrennt hatte, aufwändige Deckendekorationen, Leder an den Wänden, dem roten Mobiliar sieht man an, das die Zeit nicht spurlos vorbei gegangen ist. Aus der Wand ist eine Halterung geklappt, die früher einen Filmprojektor getragen hat. Mittelpunkt des Raumes ist noch heute eine kleine Bühne.

„Diese Bar war für uns damals schon etwas ganz Besonderes. Die ganze Atmosphäre war erotisch aufgeladen. Erst wenn man in die Ekstase Bar durfte, war man erwachsen. Das Kribbeln fing schon unten auf der Straße an, wenn man darauf geachtet hat, dass man nicht gesehen wurde. Dann ging es die Treppe hoch. Oben musste man an der Tür klingeln und es wurde überprüft, ob man alt genug war“, erinnerte sich ein Wolfsangerer Bürger gern zurück – aber heimlich. „Damals war ja nachts außer der Bar und der Orchidee nichts auf. Und nirgends war es so sexy. Zu dieser Zeit waren wir ja alle noch ziemlich verklemmt. Offen wurde selbstverständlich nur in Männerkreisen darüber gesprochen, wo man gewesen war.“ Seinen Namen wollte er natürlich nicht nennen, aber schnell wurde klar, dass zahlreiche Männer, die heute über 70 sind, hier Kunde waren. „Da habe ich zum ersten Mal eine nackte Frau gesehen. Und nicht nur ich. Ich weiß noch genau, wer damals Stammgast war. Wer zum ,Eintänzer’ gekrönt wurde.“ Ja, und auf einer kleinen Bühne wurde hier getanzt. „Erotische Tänze wurden von sehr leicht bekleideten Damen vorgeführt. Das war für uns Landeier ein kleines Pigalle. Und wenn keine Tänzerinnen da waren, wurde eine Leinwand runter gelassen, und es wurden die ersten Pornofilmchen gezeigt“, erinnerten sich einige frühere Besucher heute noch mit glänzenden Augen.

Innenausstattung in rotem Plüsch und Leder.

Ungekrönte Königin der Bar war natürlich die „rote Erika“, die hinter der Bar dafür sorgte, dass auch nachts in Kassel niemand verdurstete. „Erika hatte alles im Griff. Da reichte eine kurze Handbewegung, und alles hat pariert.“ Sogar Vereine wurden in der Bar gesichtet. „Einmal im Monat hatten wir Vorstandssitzung“, erinnerte sich ein ehemaliger Fußballer gern zurück. „Unser Vorsitzender war schon etwas älter und hatte genügend Geld. Nach der Sitzung, so gegen 23 Uhr, ging es dann in die Stadt, in die Ekstase Bar. Dort hat er die jüngeren Vorstandsmitglieder frei gehalten. Wir standen vor der Theke mit Pils und Korn – ein Gedeck kostete zehn Mark. Rechts saßen einige Damen mit denen wir uns unterhalten konnten. Mehr ging aber erst, wenn man ordentlich Sekt bestellt hatte. Dann setzte sich schon mal eine Dame bei uns auf den Schoß und man konnte erste Erfahrungen machen, wie sich Frauen von Männern unterscheiden.“ Sogar für einige Firmen war die Bar wohl regelmäßiger Anlaufpunkt. „Wenn wir Freitagnacht mit unserem Job durch waren, ging es in die Bar – regelmäßig. Das gehörte einfach zum Job dazu. Und der Chef war immer dabei. Die Männer gingen an die Bar, und wenn die Kolleginnen dabei waren, wurde nebenan getanzt,“ schildert ein Teilnehmer diese Firmenfeiern, die heute nicht mehr vorstellbar wären. Und bezahlt wurde auch – und nicht zu wenig. „Einer von uns hat immer die Rechnung übernommen.

Montags hat er dann das Geld von den Kollegen eingesammelt. Und wenn es nicht genug war, hat der Chef den Rest übernommen. Da war sehr großzügig. Man kann sagen, freitags war das unsere Bar.“ Doch in den 90ern war Schluss mit der Bar. „Es war ja alles viel freizügiger geworden. Man kann sagen, dass Oswald Kolle die Ekstase Bar gekillt hat“, ist sich ein ehemaliger Stammgast sicher. „Wenn schon in der Schule aufgeklärt wird, verliert so eine Bar das besondere Flair. Es gab damals auch andere gute Schuppen in der Stadt, in denen man Frauen kennenlernen konnte. Das hat dann nach und nach alle weggezogen. Und die Fremden, die auf dem Weg zum Bahnhof hier nachts noch eingekehrt sind, waren auf Dauer einfach viel zu wenig. Davon konnte man das Personal und die Miete nicht mehr bezahlen.“ Die Bar gibt es nicht mehr, aber das Mobiliar und die Einrichtung schlummern noch und warten auf Entdecker. Wäre eigentlich schade, wenn alles beim Abriss des Hauses zerstört würde. So etwas gibt es heute nicht mehr.