Jochen Korn: Purismus in Beton gegossen

Jens Thumser Harry Soremski
Jochen Korn ist nicht nur Betonexperte, sondern vielmehr Beton-Designer. Fotos: SoremskiJochen Korn ist nicht nur Betonexperte, sondern vielmehr Beton-Designer.

Begonnen hat die Geschichte vor über 10 Jahren. Und irgendwie ist es auch eine Uni-Ausgründung. Aber eben doch nicht so, wie manche andere Spin-offs. Jochen Korn hat in Kassel Industriedesign studiert, sich als Grafiker verdingt und kam auch mit dem Uni-Institut für Werkstofftechnik und dem Baustoff Beton in Kontakt. Dort begannen die Experimente mit dem Material, aus dem damals noch keiner Möbel und Designprodukte hergestellt hat.

Die Beton-Branche titelte in den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts mit einem eingängigen Werbespruch in Fernsehspots:„Es kommt drauf an, was man daraus macht!“. Und das hat sich Korn zum Programm gemacht. Nach vielen Versuchen – und auch vielem Scheitern – waren die Buchstützen „A bis Z“, die es heute noch in seinem Webshop zu kaufen gibt, das erste serienreife Produkt für den gelernten Tischler. Wir besuchen ihn in seinem Domizil in Kassel. Es ist Büro, Lager, Atelier, Werkstatt und Produktion in einem. Hier wird am Mac entworfen und in der Halle nebenan direkt gegossen. Es staubt. Es scheppert ohrenbetäubend. Und überall stehen kleine und große Formen bereit, den gerade angemischten Zauberteig aufzunehmen. Der Mischer röhrt und rührt unbeirrt. Neben den offenbaren Elementen Zement, Wasser und Sand kippen die Mitarbeiter auch immer wieder Messbecher mit besonderen Zutaten hinzu.

Das Geheime am Geheimrezept. „Es hat schon viel Zeit und Mühe gekostet, eine Beton-Mischung für diese Zwecke zu entwickeln!“, verrät Korn. Ein wenig erinnert alles an einen großen Sandkasten. Mit Backförmchen und jeder Menge Matsch zum Spielen. Alles lädt zum Pempeln ein. Aber so spielerisch das Wuseln der Mitarbeiter auch erscheint: alles folgt einem genauen Plan. Denn wie man sich denken kann, wird die graue Masse alsbald aushärten und darum wird gegossen, gestochert, gerüttelt. Überhaupt: Das Rütteln ist eine der wichtigsten Produktionsphasen. Denn damit sollen die samtweichen und porenfreien Oberflächen erzielt werden.

Heute ist Korn nicht nur gefragter Betonexperte, sondern vielmehr Beton-Designer. Dem 45-Jährigen gelang der Durchbruch als er 2010 den Reddot Design Award für seine Hausnummer-Kollektion erhielt. Weitere Preise und Auszeichnungen folgten – Early Bird Designpreis und die Nominierung für den Designpreis Deutschland 2012. Darüber hinaus waren die Korn Produkte schon an zahlreichen Ausstellungen im In- und Ausland beteiligt, etwa in Tokio, New York und Mailand. Aber er ist auf dem Boden geblieben, obwohl danach das Telefon nicht mehr stillstand. Er musste sich entscheiden und hat Qualität gewählt. Sicher ist er heute auch bei namhaften Design-Unternehmen und Webshops gelistet, zum Beispiel bei Magazin, Connox und Dawanda. Aber es bleiben kleine feine Auflagen. Besonders interessant sind Anfragen von anderen Designern oder Werbeagenturen, für die er dann sein Wissen – wahrhaftig – in Form bringt und unter Lizenz produziert. So manche „Speisekarten-Halter“ großer Biermarken auf den Kneipentischen stammen zum Beispiel eigentlich aus Kassel.

Zunächst hatte sich Korn an Möbeln – teilweise als Unikat – versucht. Doch dafür erwies sich Beton doch nur mäßig geeignet. Die meisten Objekte wurden am Schluss eben schlicht zu schwer. Und letztlich muss auch die schönste Idee wirtschaftlich sein, daher haben er und sein Team sich mittlerweile auf kleinere Produkte in größerer Auflage konzentriert. Wer hätte gedacht, dass man einen USB-Stick aus Beton fertigen kann?

16_09_13_Magazin-34_Jochen-Korn_5163Backe, backe…Beton. Die geheime Rezeptur?

Die große Herausforderung ist im Übrigen nicht nur allein die Mischung der Masse, sondern zusätzlich und vorab die Umsetzung der Gestaltung in die Gussform. Denn wie man sich denken kann, ist nicht jede Formgebung gießbar. Und schon gar nicht so, dass man die Gussform danach auch weiter verwenden kann. Hier ist ordentlich dreidimensionales Vorstellungsvermögen gefragt. Und man muss praktisch schon vorher wissen, was hinterher realisierbar ist – und was nicht.

Beton-Gießen ist Teamsport, könnte man sagen. Alles allein machen ist nicht nur lästig und langweilig, sondern auch wirklich anstrengend. Korn bildet aus, zum technischen Modellbauer, Fachrichtung Gießerei. Aber was ist Korn eigentlich selbst? Designer? Künstler? Oder auch Modellbauer? „In erster Linie bin ich selbstständig“, sagt er und lacht. Es ist eben nicht in einem Satz zu erklären, was er den ganzen Tag so macht. Hinzu kommt, dass das, was er macht, auch Nachahmer findet: Korn-Produkte werden oft kopiert. Aber eben nie erreicht. Und darum bleibt er auch bei diesem Thema beachtlich gelassen. Inzwischen sind seine Produkte eben auch Marken-Produkte. Außerdem sind die meisten Objekte in seinem Webshop Klassiker und schon lange erhältlich. Das spricht nicht nur für gutes Design, sondern eben besonders für die Qualität. Auch wenn Korn durch die Verwendung des Werkstoffs Beton ein wenig festgelegt ist, so gelingt es ihm aber doch immer wieder, Interessantes und Besonderes zu entwerfen und letztlich zu fertigen. Trotzdem ist in den zehn Jahren Unternehmensgeschichte nicht alles rüttelfrei verlaufen. Gerade am Anfang, wo Objekte aus Beton noch nicht so geläufig waren und das Internet noch in den Kinder-schuhen steckte, war es alles andere als leicht Mitstreiter, Händler und Kunden zu finden. „Am Anfang war ich auch zu schüchtern,“ gesteht Korn und zwinkert. Er musste sich öffnen und vom Gestalter und Techniker zum Verkäufer und Missionar in eigener Sache werden. Auch das war eine Herausforderung.

Inzwischen haben die Mischer die zweite Menge fertiggestellt und es muss gegossen werden. Die nächsten Polyurethan-Förmchen stehen bereit, der Lärm pausiert für einen Moment. Andächtig fließt die Masse in die Öffnung. Alle schauen gespannt, ob etwas überläuft. Aber der erfahrene Handwerker kippt den Eimer rechtzeitig zurück, alles passt, alles ist glatt. Und so geht es nun weiter, Form für Form. Bis der Eimer nichts mehr hergibt. Und schon wird die ehrfürchtige Stille des Gießens wieder unterbrochen durch das Scheppern und Krachen der Rüttel-Platten. Morgen ist alles hart. Und die Formen warten auf die nächste Füllung.

16_09_13_Magazin-34_Jochen-Korn_5235Ein prüfender Griff in die Masse. Die richtige Konsistenz?

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