„Ich wollte nicht dünn sein, sondern stark“

Nadja Feldle Harry Soremski

Ein bisschen Gewichte im Fitnessstudio stemmen reicht nicht, wenn man sich den Traum von der Bodybuilding-Wettkampfbühne verwirklichen will. Und Melissa Hartung aus Hessisch Lichtenau will nicht auf irgendeine Wettkampfbühne, sondern irgendwann zu Mr beziehungsweise Mrs Olympia. Diese Wettbewerbe gelten als die ranghöchsten professionellen Bodybuilding-Wettkämpfe und bloß die besten internationalen Athleten dürfen daran teilnehmen.

Den Profi-Titel hat die 23-Jährige aus Nordhessen noch nicht, doch 2022 ist auch erst ihre erste Saison, die sie äußerst erfolgreich starten konnte. Direkt bei ihrem ersten Wettkampf Ende April belegte sie den zweiten Platz in der Wellness-Klasse bei den Newcomern und darf sich nun Vize Deutsche Meisterin in der Newcomer 2022 nennen. Bei der Teilnahme der Dennis Wolf Classics nur wenige Zeit sicherte sie sich den ersten Platz in der Bikini-Klasse und erhielt ihren ersten Sponsoren-Vertrag. Der Weg bis zur ‚bühnenreifen Form‘ ist jedoch hart und nur mit viel Disziplin zu erreichen. „Eigentlich wollte ich schon 2020 starten, doch durch Corona sind viele Wettkämpfe abgesagt worden. Das hat mich damals sehr frustriert. Ich hatte keinen Ziel-Tag mehr vor Augen und ließ mich hängen“, erzählt Melissa Hartung, die Teilzeit als Trainerin im Frauen-Fitnessstudio SheBody und als Personal Trainerin in Kassel arbeitet. Lachend gibt sie zu, dass sie es sich während des ersten Lockdowns hat gut gehen lassen.

„Ich habe leider sehr viel Essen bestellt, die Gyms waren geschlossen und ich war unzufrieden  – mit mir, der Situation und der fehlenden Perspektive, wann der normale Alltag wieder losgehen wird.“ Zehn Kilo plus zeigte  die Waage in kürzester Zeit an, doch Melissa findet zurück in ihre Routine: Aufstehen, die Supplemente einnehmen, die erste Einheit Cardio, dann geht es an die Arbeit, zum eigenen Training und abends folgt noch einmal eine Einheit Cardio. Hinzukommen Tage, in denen für die Woche vorgekocht wird, Form-Checks für den eigenen Coach und Posing-Trainings.

Die Wettkampfvorbereitung ist mit sechs Trainings die Woche, vier bis fünf Mahlzeiten am Tag plus dem normalen Arbeitsalltag sehr zeitintensiv und bedarf eines hohen Maßes an Organisation. „Da bleibt in dieser Zeit das Sozialleben leider oft auf der Strecke. Das ist der Preis, den man zahlt, denn ein Abend mit Freundinnen in einer Bar oder der Besuch im Restaurant ist dann leider nicht drin. Wenn ich ein Ziel vor Augen habe, bin ich aber sehr streng zu mir und diszipliniert. Dann zieh ich durch und will einfach auf der Bühne glänzen. Auch, wenn ich oft Hunger habe und durch meinen mittlerweile so niedrigen Körperfettanteil kaum schlafen kann und meine Periode nicht mehr bekomme.“

Offen spricht die Hessisch Lichtenauerin über die Vorurteile, mit denen sie ab und an konfrontiert wird. „Wenn mir jemand ungefragt sagt, dass er mich zu muskulös findet, freut mich das ehrlich gesagt. Dann weiß ich, dass ich auf dem richtigen Weg bin“, erzählt sie schmunzelnd. „Dass das Bodybuilding auf Dauer nicht gesund ist, wissen die Athleten. Aber welcher Leistungssport ist auf Dauer schon gesund?“, gibt sie zu bedenken. Ihr habe der Kraftsport damals einen Ausweg aus der Magersucht eröffnet, in die sie als Jugendliche gerutscht war.

„Mit 14 war ich das erste Mal mit meinem damaligen Freund im Fitnessstudio und fand das Training dort ganz spannend. Bekannte von mir, die schon etwas älter waren, wollten auf die Bühne und ich hatte für mich das Ziel, ein Sixpack zu bekommen. Doch dafür hungerte ich und geriet so in die Essstörung“, erzählt sie von den Anfängen als Jugendliche. Mittlerweile formt sie ihren Körper mithilfe von schweißtreibenden Trainings und genau geplanten Mahlzeiten. Dass Hungern nicht zu mehr Wohlbefinden und schon gar nicht zu mehr Muskeln führt, musste sie lernen. Schon seit sieben Jahren gehören regelmäßige Mahlzeiten zu ihrem Tagesablauf, denn sie weiß, dass sie essen muss, um Muskeln aufbauen zu können.

„Ich wollte auf die Bühne und zeigen, was ich erreichen kann“

Melissa Hartung (23)

Denn das Bodybuilding bleibt ihre Leidenschaft. So sehr, dass sie die damals begonnene Krankenschwester-Ausbildung wegen des erforderlichen Schichtdienstes abbricht, da diese nicht mit ihren sportlichen Ambitionen vereinbar ist. Sie macht ihre Leidenschaft zum Beruf, wird Trainerin und hilft seither auch anderen, ihr sportliches Ziel zu erreichen. Dass sie selbst auf die professionelle Wettkampfbühne will, realisiert Melissa Hartung, als sie das erste Mal als Betreuerin einen Blick hinter die Kulissen der Bodybuilding-Wettbewerbe erhält. Zu diesem Zeitpunkt hatte sie selbst schon eine erste Vorbereitung hinter sich, fand jedoch nicht den Weg auf die Bühne. Ihr Wunsch, auch dort oben zu stehen, wird wieder entfacht. „Ich wollte auch im Glitzer-Bikini zeigen, was ich schaffen kann! Ich wollte nicht dünn, ich wollte stark sein!“ Und so suchte sich Melissa Hartung erneut einen professionellen Coach und verwirklicht sich Stück für Stück. Ihr Körper entwickelt sich so gut, dass sie nicht in der schlankeren Bikini-Klasse, sondern in der muskulöseren Wellness-Klasse starten kann. 2022 können die Wettkämpfe dann endlich realisiert werden, die Pandemie-bedingt verschoben worden und finanziell in der Form nicht möglich gewesen wären.

„Der angefertigte Bikini allein hat über 500 Euro gekostet, hinzu kommen die Anmeldegebühren, Starterlizenzen, Posingseminare, die braune Farbe für den Körper sowie Haare und Make-Up am Wettkampftag und natürlich die Supplemente und das Essen allgemein in der Vorbereitung. Ich muss jeden Tag Spargel essen – etwas, was ich vorher nie gemocht habe. Doch für den Traum, erfolgreich auf der Bühne zu stehen, ziehe ich auch das durch!“

Wenn die Saison vorbei ist, darf es dann aber auch mal wieder ein Becher Eis oder ein Abend mit Freunden in der Shisha-Bar sein. Der Körper erholt sich und macht sich bereit für die nächste Saison – für Melissa Hartung ist dies ein weiterer gegangenen Schritt auf dem Weg zu Mrs Olympia.