Hufschmied Carsten Schultze: „Wir sterben aus…“

Jens Thumser Harry Soremski
Von seiner Zunft gibt es zu wenig: der Hufschmied Carsten Schultze.

Es riecht. Oder duftet es? Kein Zweifel, auf dem Hof Brückenmühle in Ahnatal sind Pferde zu Hause. Noch bevor ich auch nur ein Pferd sehe, spitze ich die Ohren: Klackklack – klackklack. Die Hufe sind auf dem Kopfsteinpflaster des weitläufigen Geländes deutlich zu hören. Um die Ecke, in einem abgeteilten Stall des Pferdehofs steht „Anns Chic on Top“, ein Reining Quarter Horse. Braun, mit einer wunderschönen Blesse am Kopf. Pferde haben etwas Majestätisches – in ihrer Figur und der Art, wie sie sich bewegen. Direkt neben dem Wallach steht Carsten Schultze, der sich seit über zwölf Jahren um die Hufe der Pferde sorgt und kümmert – er ist mittlerweile Hufschmied, vorher war er Barhufpfleger – das ist Pediküre für die Pferde. Den Pferden das richtige „Schuhwerk“ anzupassen und anzulegen ist seine Profession seit mittlerweile über sechs Jahren. Seitdem ist er staatlich anerkannter Hufbeschlagsschmied, so nennt sich das offiziell.

Von seiner Zunft gibt es zu wenig, viel zu wenig. Rund 4000 in ganz Deutschland sind es, in der Region rund um Kassel keine zwanzig. Für die große Zahl an Pferden ist das verdammt dünn. Das führt dazu, dass Carsten und seine Berufskollegen fast rund um die Uhr und auch am Wochenende arbeiten. Denn es geht
schließlich um Lebewesen, da lässt sich die Arbeit nur schwer aufschieben.

Ein Haufen Glück: Die getragenen Eisen verarbeitet Carsten Schultze manchmal zu kleinen und großen Wohn-Accessoires.Ein Haufen Glück: Die getragenen Eisen verarbeitet Carsten Schultze manchmal zu kleinen und großen Wohn-Accessoires.

Pferde sind sogenannte Barhufgänger. Um ihnen den Gang auf befestigten Wegen, Pflaster und Straßen zu erleichtern, erhalten sie Hufeisen. So weit, so gut. Doch die Arbeit des Hufschmieds geht über das Schmieden der Eisen und Nägel und das Befestigen weit hinaus. „Der Hufschmied beschlägt heute nicht mehr nur vier Hufe, sondern ein ganzes Pferd. Es ist eine ganzheitliche Aufgabe.“, erklärt Carsten und meint damit, dass ein gut beschlagener Huf auch eine gute Stellung des Tiers bedingt. Carsten Schultze ist neben seinen Allround-Aufgaben als Hufschmied zusätzlich spezialisiert auf Westernpferde. „Meine Passion ist das Beschlagen für „Reining“, eine Disziplin, bei der das Pferd aus dem Galopp mit den Hinterbeinen bremst – entstanden aus der Ranch-Arbeit mit Rindern. Das ist Herausforderung und Verantwortung zugleich, nicht nur für Pferd und Reiter“, zwinkert er. „Die Hufschmiede sterben aus“, fürchtet Carsten.

Abgesehen davon, dass sein Job vor allem als körperlich anstrengender Beruf nicht top-attraktiv ist, kommt erschwerend hinzu, dass viele seiner Kollegen kaum Zeit finden, auszubilden. Auch die umfangreichen und teils widersprüchlichen staatlichen Reglementierungen zu einer Ausbildung als Hufschmied erleichtern den Plan für einen Nachfolger nicht sonderlich.

17_05_05_Magazin-34_Schmied_7533

Zudem sind Carsten und die meisten anderen Hufschmiede in der Regel Einzelkämpfer. Keine Angestellten, kein Team. Wenn einem das Pferd seinen Huf in den Brustkorb rammt und man meterweit durch die Scheune fliegt, liegt man wie jeder andere im Krankenhaus. Mit dem Unterschied, dass nun die „umsatzfreie Zeit“ beginnt, wie Carsten es nennt.  Mit anderen Worten: So lange man krank ist, verdient man nichts. Eine Versicherung für diese Fälle ist fast unbezahlbar. Darum hat er mit einigen Hufschmied-Kollegen vor wenigen Jahren eine Art selbst verwaltetes „Ausfall-BackUp-System“ geschaffen. Rund 40 Mitstreiter haben sich zusammengeschlossen (www.equinehoofequipe.de) und helfen vorübergehend arbeitsunfähigen Schmieden aus. So fährt er also – zusätzlich zu seinen Kunden – immer wieder quer durch die Republik, um auszuhelfen.

Alle acht Wochen wird ein Pferd im Schnitt neu beschlagen, denn der Huf wächst etwa einen Zentimeter im Monat. Und damit verändert sich auch die „Stellung“ des Pferdes. „Während ursprünglich ein Wildpferd am Tag 25 oder 30 Kilometer gelaufen ist – auf verschiedensten Untergründen – sind die meisten Reitpferde heute deutlich weniger in Bewegung. Sie stehen im Stall oder trainieren auf Sand und dementsprechend gibt es kaum Abrieb“, erklärt Carsten. Der Mann ist ein gestandener Pferdeliebhaber, sein Beruf erfüllt ihn, das spürt man sofort. Seine Leidenschaft zu den Vierbeinern kommt bei jedem Handgriff rüber, wenn man ihm zuhört – wenn man ihm zusieht.

Er selbst bildet sich regelmäßig fort, aktuell unter anderem zum Hufbeschlaglehrschmied. „Bildung war noch nie umsonst!“ Carsten ist ein Freund knackiger Feststellungen. Kommt vielleicht vom Beruf. Da muss eben auch alles passen und sitzen. Für viel Drumrum ist da kein Platz.  Sein Großvater hat schon Haflinger gezüchtet, da liegt offenbar viel im Blut. Seit er denken kann, umgeben ihn Pferde. Der 39-Jährige ist in der Schwalm aufgewachsen und erinnert sich schmunzelnd: „Fernsehverbot hat mich als Kind nie gejuckt. Aber als meine Eltern dahinterkamen und mir Pferdeverbot gaben, saß ich heulend in meinem Zimmer.“ Nach einem kleinen Umweg über die Bundeswehr fand er wieder zurück zum Ross.

17_05_06_Magazin-34_Schmied_7570

Mittlerweile steht seine Arbeit interdisziplinär neben der des Tierarztes und des Physiotherapeuten des Pferdes. Manchmal ist er auch ein wenig Psychotherapeut für die Reiterin oder den Reiter. „Ziel meiner Arbeit ist immer, dass das Pferd nach dem Beschlag mindestens so gut läuft wie vorher – wenn nicht sogar noch besser.“ Und dabei muss er auch andere Organe und Körperteile im Blick haben. „Ich bin schon viel mit Ostheopathen und Chiropraktikern unterwegs gewesen oder habe mir ihre Arbeit angesehen, denn ich begreife meinen Job sehr ganzheitlich.“

Dann nimmt er die Zange und holt das Eisen aus dem Feuer, legt es auf den Amboss und macht, was man vom Schmied erwartet. Mit geschultem Auge schaut er am Eisen entlang – und schlägt noch zweimal. Dann passt alles. Das Eisen sitzt. „Manchmal sind wir Hufschmiede sowas wie der Friseur im wahren Leben. Besitzerinnen erzählen mir Sachen, da werde ich innerlich rot. Obwohl wir ja echt Kummer gewohnt sind. Aber absolute Verschwiegenheit gehört dabei zum Geschäft. Soviel ist sicher!“ Sein Job macht ihm Spaß, bestätigt Carsten – und schmunzelt dabei. Mit scheinbar lockerem Schwung wird ein Nagel nach dem anderen angesetzt und anschließend auf der Gegenseite vernietet. Aber dass jeder Handgriff sitzt, dass der Hammerschwung nicht unwillkürlich erfolgt und dass auch der Streich über die Beine des Pferdes nicht zufällig sind, das erkennt man sofort. „Ein Nagel kann ein Hufeisen retten, ein Hufeisen ein Pferd, ein Pferd einen Reiter und ein Reiter ein Land“ sagt ein altes türkisches Sprichwort und erklärt damit, warum das Hufeisen ein Glückssymbol ist. Carsten liebt Pferde, was für ein Glück – für ihn und die Pferde.

17_05_05_Magazin-34_Schmied_9657

3 comments

  1. Das Aussterben der Hufschmiede liegt aber auch einfach daran, dass der Durchschnittsreiter eigentlich keine Eisen benötigt, sie Nachteile ohne Ende bringen und ein guter Hufpfleger und evtl. Hufschuhe bei 98% der Pferde auch völlig ausreichen.
    Und was nutzt so ein Artikel, ohne dass eine Lösung zumindest besprochen wird? Keine Zeit zum Ausbilden, wenig Azubis, dann greift der Staat auch wenig ein.

  2. Sehr gute Beschreibung. Wenn man einen solch engagierten Hufschmied für sein Pferd gefunden hat, soll man ihn immer gut behandeln, sein Pferd sauber an einem sauberen Arbeitsplatz übergeben und diesen Menschen nett behandeln.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.