Handlettering: Die mit den Buchstaben tanzt

Antonia Paul Harry Soremski
Frau Jott, HandletteringDie 35-jährige Julia Wenderoth, alias Frau Jott, bietet Handlettering-Workshops für jedermann an.

Behutsam führt Julia Wenderoth den schwarzen Stift mit Pinselspitze über das Papier. Feinste Linien entstehen, wenn sie von unten nach oben streicht und den Druck von der Spitze nimmt. Fährt sie dann von oben nach unten, drückt sie etwas fester auf und die Linien werden dicker. Mit routinierten Schwüngen und kleinsten Bewegungen im Handgelenk zaubert sie Buchstaben auf das Papier, die kein Computerprogramm der Welt perfekter drucken könnte. Hier ein paar Schattierungen, da einige verspielte Verzierungen, dann liegt ein kleines Kunstwerk aus Buchstaben vor ihr. „Das nennt man Handlettering. Ist ganz einfach“, erklärt die 35-Jährige.

Seit circa einem Jahr gibt sie als Frau Jott, wobei das „Jott“ für den Anfangsbuchstaben ihres Vornamens Julia steht, Workshops, in denen sie Interessierten das Handlettern beibringt. Angefangen hat alles mit Fotos und Videos bei Instagram. „Ich hatte als Kind schon immer einen Stift in der Hand und habe jahrelang als Grafikerin gearbeitet. Auf das Handlettern bin ich aber erst recht spät gekommen“, erzählt Julia. Auf dem sozialen Netzwerk Instagram ist sie dann auf Künstler gestoßen, die sich mit der modern interpretierten Form der Kalligrafie beschäftigen. Dann hat sie sich den kunstvollen Schreibstil autodidaktisch angeeignet. „Bevor ich den ersten Kurs angeboten habe, habe ich mich circa ein Jahr mit verschiedenen Stilen und Arbeitsmaterialien beschäftigt und viele ausprobiert“, erinnert sie sich zurück. Denn Handlettering funktioniert nicht nur mit dem sogenannten „Brushpen“, sondern auch mit Fineliner, Pinsel und Wasserfarbe. Und auch bei den Schriftstilen sind die Möglichkeiten nahezu unendlich. „Es gibt schon ein festes Alphabet aus Brushlettern, die ich mit den Workshop-Teilnehmern übe. Sobald ich aber einen anderen Stift benutze, die Buchstabengröße oder den Abstand zwischen den Lettern verändere, kommt ein ganz anderes Bild dabei heraus“, erklärt sie begeistert.

Die ersten Anfänger-Workshops bot Julia Wenderoth am großen Esstisch in ihrer privaten Küche in Homberg-Mardorf an. Hier findet auch heute noch jeder zweite Handlettering-Kurs statt. Die andere Hälfte der Kurse hat sie aufgrund der hohen Nachfrage nach Kassel ausgelagert. Alle bisher bekanntgegebenen Termine waren innerhalb weniger Stunden ausgebucht. Unter den Teilnehmern ausschließlich Frauen jeden Alters – von angehenden Bräuten, über Restaurantbetreiberinnen bis zu Seniorinnen. Julia erklärt sich das große Interesse am Handlettern vor allem durch den Geist der heutigen Zeit. „Viele Frauen sehnen sich in der schnelllebigen Welt nach Ruhe und Entschleunigung. Dazu kommt der Trend, Dinge selber zu machen.“ Im Workshop würden genau diese Sehnsüchte vereint. In ruhiger Atmosphäre nehmen sich die Teilnehmerinnen fünf Stunden dafür Zeit, sich kreativ auszuleben und dabei etwas Schönes selbst herzustellen. Am Ende können sie die Hochzeitseinladung, Speisekarte oder Geburtstagsgrüße selbst gestalten. Dabei geht es nicht um Perfektion, sondern um die persönliche Note in jedem Werk. Auch kreatives Können wird nicht zwingend benötigt. „Das ist alles keine Zauberei und einfach erlernbar“, sagt Julia und lacht, „man muss sich nur trauen und die Buchstaben zum Tanzen bringen.“

Frau Jott, HandletteringSobald Frau Jott beim Handlettern kleine Details verändert, entstehen ganz neue Schriftarten.

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