Gerhard Hein: Der stille Modemacher

Jens Thumser Harry Soremski

Beinahe unscheinbar reiht sich Gerhard Heins Pilotshop auf der Friedrich-Ebert-Straße in die Häuserreihe ein. Doch fällt der Blick erst einmal durch das Schaufenster auf die langen Kleiderstangen an den Seiten, dann ahnt man doch: Hinter der hellen Fassade steckt viel mehr, als der hastige Passantenblick vermuten lässt. Ähnlich tiefgründig ist auch die Mode Heins. Auf den ersten Blick erscheint alles hauptsächlich schwarz. Doch der Schein trügt.

Gleich zu Beginn unseres Gesprächs verrät der gebürtige Espenauer eines seiner Kreationsgeheimnisse: „Ein guter Entwurf muss an einer 20-Jährigen genauso funktionieren wie an einer 60-Jährigen“. Eine Kundin, die bei ihm kauft, soll die nächsten fünf bis sechs Jahre Freude an seinem Werk haben. Wichtig ist dem Materialfan dabei, dass das Kleidungsstück nicht die Ausstrahlung der Trägerin überdeckt, sondern in erster Linie unterstreicht. Diese kleine aber feine Nische an Möglichkeiten, die er sich ein Stück selbst geschaffen hat, schöpft der europaweit gefragte Designer voll aus. „Ich war als Kind schon so mode-affin, dass ich meine Familie damit verängstigt habe“, erinnert sich Gerhard Hein zurück. „Ich hatte sehr genaue Vorstellungen von dem, was ich anziehen wollte.“ Für das erste von vier Kindern aus einer bürgerlichen Familie ist das eher hinderlich als förderlich. Doch Gerhard Hein – und damit auch alle Frauen, die seine Mode lieben und zu schätzen wissen – hatte Glück: „Meine Großmutter ist mir stets zur Seite gestanden. Sie war eine große Ästhetin und wusste, wie man sich gekonnt kleidet.“

Für den Kasseler stand von Anfang an fest: Seine Passion liegt in der Mode und dort soll ihn auch sein Berufsweg hinführen. Um seine Familie zunächst zu beruhigen, fängt der Kasseler, der eigentlich Design studieren wollte, eine kaufmännische Ausbildung an. Ein Kompromiss, der seine Richtigkeit beweisen konnte. Doch wo ein Wille ist, ist auch ein Weg: „Mitte der 70er galt Design als brotlose Kunst – dominiert von komischen Leuten. Doch ich wusste mich zu retten“, erklärt Gerhard Hein, der zunächst Werbegestalter wurde. Von Beginn an stand für ihn fest, dass er auch in diesem Beruf nur für Modehäuser arbeiten möchte. „Nebenbei habe ich dann schon an Entwürfen für einen italienischen Sportswear-Hersteller – heute würde man wohl Streetwear sagen – gearbeitet.“

 

Und seine Zeichnungen und Ideen kommen an. Sein Ansporn: „Mir war wichtig, dass ich die Firma und das was sie macht gut fand. Und ich wollte mitmischen können.“ Reaktionen auf seine Ideen kamen, doch zunächst ohne Aussicht auf einen festen Auftrag. „Sie waren alle geradezu geschockt, dass da ein 20-Jähriger vor ihnen saß, von dem die Entwürfe stammen sollten.“ Einem so jungen Mann konnten sie die Position des gesuchten Chef-Designers nicht geben – gelungene Ideen hin oder her. „Komm in ein paar Jahren noch mal wieder“ wurde ihm entgegnet. Doch so lange wollte der ambitionierte Designer nicht warten. „In völliger Naivität habe ich mich selbstständig gemacht. Aus heutiger Sicht würde ich mich das nicht mehr trauen“, berichtet Hein, der 1980 die Pforten seines ersten Showrooms in der Kasseler Friedrichsstraße öffnete. „Meine einzige Absicherung war das Haus meiner Mutter, wo wir alle gelebt haben.“

Angetrieben aus der selben Naivität, wie er gesteht, fuhr der Designer auf Messen in ganz Deutschland. Doch wer wagt, gewinnt: „Ich bekam so viele Aufträge, dass ich nicht mal den Materialeinkauf dafür aus eigener Tasche hätte bezahlen können.“ Gerettet hat ihn seinerzeit ein Kredit bei der Bank: „Ich bin dem Bankangestellten heute noch dankbar, dass er an mich geglaubt hat.“ Auch wenn der Einzelhandel für ihn gar nicht lange Plan war und der erste Showroom lediglich zum Antesten gedacht war, liebt Hein den Kontakt zu seinen Kundinnen. Heute wirken Hein und seine Entwürfe nicht nur seit knapp dreißig Jahren auf der Friedrich-Ebert-Straße, sondern europaweit.

Dutzende Schwarztöne umschmeicheln die Entwürfe – immer gepaart mit einem farbigen Akzent.

Dabei hält sich Hein selbst – als „stiller Designer“ – stets im Hintergrund. Hein-Mode ist und bleibt ein Geheimtipp für Frauen, die nicht am schnellen Modekonsum interessiert sind, sondern sich mit Stil, Ruhe und Beständigkeit ankleiden. Doch damit nicht genug: Ein Outfit à la Hein lässt sich im Büro, Zuhause sowie zum Ausgehen tragen. Dabei legt der Designer, der mit Stoffherstellern der Weltspitze zusammenarbeitet, sein Augenmerk stets auf Material und Langlebigkeit: „Man will das Wort schon fast nicht mehr benutzen, aber meine Kundinnen legen Wert auf Nachhaltigkeit und unterwerfen sich nicht dem hysterischen Modezirkus.“

Als ausgesprochen hilfreich in seiner langjährigen Karriere sieht Hein, dass er in treuen Verhältnissen arbeiten kann – vom Stofflieferanten bis zum Konfektionär. „Denn ich selbst kann gar nicht nähen. Daher ist mir wichtig, dass alle an der Herstellung Beteiligten meiner Handschrift entsprechen. Ich hatte das ganz große Glück, in meinen frühen Anfängen, wo es darum ging, zu beweisen, dass man ein anständiges Produkt macht, mit Leuten in der Nähe von Hamburg zusammenarbeiten zu können, die auch mit Jil Sander und Yuka gearbeitet haben.“ In der Zeit hat er auch viel über Produktionsabläufe lernen können, gesteht er. Nähe zum Herstellungsprozess, Nähe zu den Kunden – Gerhard Hein steht selbst im Laden und berät Frauen jeden Alters. Es ist ihm wichtig zu sehen, wie ein Kleid an seiner Trägerin wirkt. Zweimal im Jahr bringt der Modeschöpfer eine neue Kollektion auf den Markt und damit auf seine Kleiderstangen. Dem Saison-Ende und damit dem Kollektionswechsel sieht der Kreative aber trotzdem jedes Mal mit Vorfreude entgegen: „Mein Ansporn ist es nicht, jedes halbe Jahr das Rad neu zu erfinden, sondern zu optimieren.“

In jedem Entwurf steckt Heins unverwechselbare Handschrift.

Spielraum schafft Hein hauptsächlich über das Material, nicht nur preislich, sondern auch optisch. Doch auch Schwarz, ist nicht gleich Schwarz, wie uns der Profi in Sachen dunklen Tönen verrät. Denn Schwarz vereine alle Farben in sich. Bei genauerem Hinsehen geht die Farbrichtung bei tiefem Schwarz mehr ins Blaue. Andere Stücke Heins weisen hingegen mehr Braun- oder Graphitnuancen auf. „Wenn ein Laie die Farbkarten mancher Stofflieferanten sehen würde, würde er uns sicher für verrückt erklären“, lacht der Designer. Doch auch bei Hein ist nicht alles „nearly black“: „Nur im Vorbeigehen sieht hier alles gleich aus“, merkt Hein an. „Dabei bin ich gar nicht so der Schwarz-Typ, wie immer gesagt wird.“ Denn zu jeder neuen Saison gehört zu Heins Kollektion auch eine Signal-Farbe. Ein klares Konzept, mit dem der Mode-Macher sehr zufrieden ist.

Er strahlt eine tiefe Ruhe und einen zufriedenen Einklang mit sich selbst aus. Das spielte sicher auch eine Rolle, als er sich für die Hunderasse Galgos Espanol – eine Windhundrasse – entschied, die ihn seit Jahren begleitet. Merkmal der Einzelgänger-Rasse: Ruhige Ausstrahlung in geschlossenen Räumen. Doch trotz ruhiger Haltung von Hund und Herrchen – auch Heins Entwürfe waren in seinen Anfängen – einmal schreiend. „Ich habe die dicksten Schulterposter verwendet die ich finden konnte“, gesteht er. „Ich war großer Fan von Gaultier und Montana.“ Designer, die seinerzeit vor allem eins waren: bunt! Jedoch langweilte den Designer das Konzept nach einigen Jahren. „Dann kamen die Japaner nach Paris“, erinnert sich Hein, der für sich persönlich etwa alle zehn Jahre eine starke Veränderung in seiner Modelinie erkennt: „Eine halbe, dreiviertel Stunde wurden nur schwarze Kleider über den Laufsteg getragen. Ich fühlte mich provoziert, war regelrecht sauer. Ich verstand nicht, warum so etwas Beachtung geschenkt bekam.“ Doch nachdem der erste Schock überstanden war, merkte Hein, worum es im Kern ging. „Ich erkannte, wie schön es ist, wenn eine Person einen Raum betritt und man nicht sofort das Kleidungsstück sieht, sondern die Person. Und vielleicht erst mal gar nicht so genau weiß, was so begeisternd wirkt. Erst beim zweiten Blick fällt dann auf, dass die Person etwas Besonderes trägt“, erklärt Hein seine damalige 180-Grad-Wendung.

Ruhige Kollektionen in dunklen Farben ziehen sich wie ein roter Faden durch die Karriere des Designers.

Diesem Credo ist er bis heute treu geblieben. Die ruhigen Kollektionen in dunklen Farben ziehen sich wie ein roter Faden durch die Karriere des Designers. Gut so, denn Heins Kundinnen schätzen ihn und seine Arbeit, die zwar dunkel, aber auf keinen Fall trist oder langweilig ist. In jedem Stück steckt ein eigener Wille, die besondere Message Heins: frauliche Ausstrahlung unterstreichen. Warum es von Hein nie eine Männer-Kollektion gab? Ganz einfach: „Wären Männer schon länger so informiert und modisch, wie ich sie seit einigen Jahren wahrnehme, hätte ich es gewiss in Angriff genommen. Ich kenne Männer die kaufen bewusster als Frauen“, merkt Hein an. „Heute würde ich es machen, aber ich will einfach nicht mehr.“ Hein nimmt sich heute mehr Zeit als je für seine Entwürfe. Der Druck, der ihn früher umtrieb, fiel vor einigen Jahren von ihm ab. Vielleicht genau das, was den ruheausstrahlenden Mann mit den – mal mehr, mal weniger – schwarzen Kleidern ausmacht und was Kundinnen aus der ganzen Republik und auch Österreich und der Schweiz lieben und schätzen.

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