Gebogen, gebeizt, gewandert: Stockmacherhandwerk aus Lindewerra

Matthias Simon Harry Soremski

Diese Tradition hat Geschichte überdauert. In einem 270-Seelen-Ort an der Werra scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Hier, wo bis zur Wende der Fluss eine natürliche Grenze zwischen Ost- und Westdeutschland zog, wird bis heute am Stockmacherhandwerk festgehalten. Wir warfen einen Blick hinter die Produktion in Lindewerra und erfuhren, dass Politiker und sogar internationale TV-Stars ein Produkt aus der Manufaktur besitzen.

Schaut man sich in der Stockmacherei der Familie Geyer in Lindewerra um, fühlt man sich in das vergangene Jahrhundert zurückversetzt: Computergesteuerte Maschinen? Fehlanzeige! Dafür prägen massive Werkbänke, abgenutztes Werkzeug und eingestaubte Fenster das Bild.

Stück für Stück ein Unikat: Durch die individuelle Maserung der Hölzer gleicht nach der Bearbeitung kein Exemplar dem anderen.

Dampf steigt aus einem Kessel empor, aus dem etwa 80 Zentimeter lange Holzstile ragen. Entschlossen zieht Michael Geyer einen von ihnen heraus, legt ihn in ein Gerät, das von einer riesigen Feder angetrieben wird und biegt den Kopf des Stils zu einem runden Griff. Ein mechanisches Geräusch begleitet den Vorgang. Danach bindet der Stockmacher ein Stück Seil um den Griff, um ihn in seiner neuen Position zu fixieren. Feuchtigkeit sorgt dafür, dass der Naturstoff flexibel wird und gebogen werden kann. Später wird die Feuchtigkeit in einem Trockenofen aus dem Material getrieben, das dadurch versteift – vier Tage lang schwitzt der Stock mit etlichen anderen bei 80 Grad im Ofen vor sich hin. So behält der Griff seine Form und der Stock seine gerade Linie. Die wird ebenfalls angepasst, denn kein Rohling gleicht dem anderen. Jeder ist ein Unikat und wird später unterschiedlich weiterverarbeitet. Farben werden ins Material gebeizt oder gebrannt. Damit kommt die Holzmaserung zum Vorschein. Zum Schluss wird das Holz versiegelt, damit keine Nässe ins Holz dringen kann. Die würde dafür sorgen, dass das gebogene Holz wieder in seine ursprüngliche Form zurückkehrt. „Etwa 30 Arbeitsschritte sind nötig, um einen Wanderstock anzufertigen. Im Jahr stellen wir zwischen 60.000 und 70.000 Stück her. Wir haben Stöcke für Männer, Frauen und Kinder im Sortiment. Sie werden in ganz Europa verkauft, nach Südtirol, Frankreich, England – eben überall dahin, wo auch gewandert wird. Zum Teil kann man unsere Produkte in Shops als Souvenir kaufen oder direkt bei uns in der Manufaktur“, erklärt Geyer.

Lindewerra liegt im Eichsfeld, genauer gesagt im ehemaligen Grenzgebiet der DDR. Hier trennte die Werra das Dorf, in dem heute 270 Menschen leben, vom Westen. Laut Geyer haben hier einmal 30 Familien vom Stockmacherhandwerk gelebt. Heute ist seine Werkstatt als einzige geblieben. Eine weitere existiere im wenige Kilometer entfernten Bad Sooden-Allendorf. Das war’s dann aber auch schon. Die Stockmacher an der Werra gehören in Deutschland zu den letzten ihrer Art. 1836 wurde das Handwerknach Lindewerra gebracht. Zunächst fertigte man in den kalten Wintermonaten, während man im Sommer auf den Feldern arbeitete. Später spezialisierte man sich darauf und konnte davon die Familie ernähren. Das Holz stammte damals aus den benachbarten Wäldern. Bis zur Wende wurden die Stöcke aus Eichenholz gemacht. Das Handwerk wurde im Hause Geyer von Generation zu Generation weitergegeben, bis schließlich alle anderen Stockmacher in der Gegend verschwunden waren und nur noch sie übrig blieben.

Michael Geyer hat den Betrieb von seinem Vater übernommen. In der urigen Werkstatt entstehen die Stöcke, die die Wanderwelt bedeuten.

Heute werden die Gehhilfen aus Kastanienholz gefertigt, dass aus den Pyrenäen stammt. Es wächst auf spanischem Gebiet in der Nähe zur französischen Grenze. Nach der Wende musste man sich dieses neue Material suchen und auch Absatzwege erschließen, denn die Planwirtschaft der Deutschen Demokratischen Republik gab es plötzlich nicht mehr. „Wir mussten uns umstellen. Zu DDR-Zeiten gingen 95 Prozent der Stöcke nach West-Deutschland oder Österreich. Jahresverträge gaben damals eine gewisse Planungssicherheit. Vom einen auf den anderen Tag mussten wir sie selbst vermarkten. Das war für uns neu und anstrengend, hat aber funktioniert“, erklärt Geyer und lächelt. Stolz schwingt in seiner Stimme mit.

Regelmäßig bekommt die urige Werkstatt Besuch von neugierigen Gruppen, die einen Abstecher ins beschauliche Lindewerra machen. Die schauen sich das Stockmachermuseum an, das nur einen Steinwurf von der Stockmacherei der Familie Geyer entfernt liegt und kehren in der Gaststätte von Vater Wolfgang ein, der, wie sollte es in einem Familienbetrieb anders sein, das Handwerk an Sohn Michael weitergab.

Und wie sieht es mit dessen Nachwuchs aus? „Ich habe einen Sohn. Ob er einmal die Produktion weiterführt, wird die Zukunft zeigen“, sagt Geyer, als er einen neuen Schwung an Kastanienhölzern in den Dampfkessel steckt, um sie biegsam zu machen. Wenn er keinen Nachfolger finden sollte, sei es innerhalb oder außerhalb der Familie, wird das Stockmacherhandwerk in dem kleinen Ort aussterben, soviel steht fest. „Schon heute ist es kein anerkannter Ausbildungsberuf mehr. Nach der Wende und dem Ende der Innung wurde der Stockmacher aus der Handwerksrolle gestrichen“, erinnert sich Geyer.

Dabei sind die Geh- und Wanderstöcke sehr beliebt: Alle thüringischen Ministerpräsidenten, Bundeskanzlerin Angela Merkel und Schauspieler Peter Ustinov besitzen beziehungsweise besaßen einen. Und sogar Filmstars schmücken sich damit: Dr. House aus der bekannten Fernsehserie hat einen von ihnen in seiner Sammlung. Eine bessere und weitreichendere Werbung für so ein außergewöhnliches Produkt dürfte schwer zu finden sein. Weitere Informationen gibt es auf: stockmacherei.de