Ganz still und stumm

Karsten Knödl Harry Soremski

Wanderer oder Spaziergänger, die sich die Söhre als ihr Revier auserwählt haben, werden das bestätigen können: Der Wald, der naturräumlich eine Untereinheit des Kaufunger Waldes darstellt, ist immer für eine Überraschung gut. Neben Plätzen, die herrliche Aussichten über Kassel bieten oder zauberhaften Seen, – Stellbergsee, Michelskopfsee, Grüner See – gibt es auch zahlreiche Dinge, die von Menschenhand geschaffen wurden und die man dort nicht unbedingt vermutet hätte.

Beispiele: Die Wüstung Hessenhagen, die nordöstlich von Wattenbach im Wald liegt. Oder die Reste einer Seilbahn,
mit der man zwischen 1912 bis in die 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts die am Stellberg abgebaute Kohle nach Wellerode abtransportiert hat – von der Seilbahn stehen heute noch zwei verrostete eiserne Masten im Wald. Oder die alte Autobahnbrücke, die mitten im Wald steht. Sie sollte einst, so planten es die Nationalsozialisten, ein Teil der Reichsautobahn werden. Angedacht war, die Strecke 77 (von Hamm nach Kassel) fortzuführen und zwar als Strecke 78 von Kassel nach Eisenach. Doch daraus wurde nichts, der Krieg kam dazwischen. Fast fertig gestellt war zu diesem Zeitpunkt (1939) aber bereits eine Brücke dieser geplanten Strecke.

Rolf Nagel, ehemals Manager bei VW in Baunatal, begeisterter Hobby-Pilot und inzwischen auch Buch-Autor, weiß über die Folgenutzung zu berichten. „Im Rahmen der Recherchen zu meinem Buch ›Kassel und die Luftfahrtindustrie seit 1923‹ entdeckte ich Interessantes“, erzählt der 76-Jährige, „denn ab 1943 nutzte der deutsche Flugzeugbauer Junkers die Brücke als Produktions- und Lagerhalle für Zubehörteile von Flugzeugmotoren.“ Dafür war das Bauwerk baulich angepasst worden. Es entstand eine Fertigungsfläche von ca. 200 Quadratmetern in der Brückenröhre und jeweils ca. 250 Quadratmetern durch entsprechende Überdachungen an beiden Seiten. Man arbeitete dort bis zum Kriegsende mit einer Belegschaft von rund 50 Personen.

Doch nach dem Krieg geriet die Brücke in Vergessenheit. Zwar war in den Jahrzehnten nach Kriegsende immer wieder mal im Gespräch, die A 44 zur Entlastung der Bundesstraßen 7 und 27 weiterzubauen. Mit dem Bau der Zonengrenze waren diese Gedankenspiele allerdings Geschichte. Als nach der Wiedervereinigung Deutschlands allmählich die Planungen begannen, die Autobahnlücke zwischen Kassel (A 7) und Herleshausen (A 4) zu schließen, kam das angefangene Brückenbauwerk wieder ins Gespräch. Als Ergebnis einer Trassenuntersuchung wurde die vor dem Zweiten Weltkrieg aufgestellte Planung allerdings verworfen. So wird die Autobahn 44 in Richtung Eisenach nicht durch die Söhre, sondern durch das Losse- und Wehretal führen, so dass die Brücke    wohl für immer ein Baudenkmal bleiben wird.