Freunde kommen, gehen … bleiben!

Victor Deutsch Harry Soremski

Es nieselt an diesem Oktober-Nachmittag als wir über den Schulhof der Georg-August-Zinn Schule in Gudensberg schlendern. Nasser Asphalt trifft auf Erinnerungen aus der sechsten Klasse. Bei einem Lesewettbewerb lernten sich Rebecca Schild und Rebekka Knoll kennen, wurden Freundinnen mit dem Prädikat „beste“. 19 Jahre später besiegeln sie ihre lange Freundschaft mit Druckerschwärze. Wir sprechen über das gemeinsame Buch der Schriftstellerin Rebekka und der Psychologin Rebecca. Entlang der Hoch- und Tiefpunkte ihrer eigenen langjährigen Freundschaft durchleuchten sie die Folgen unterschiedlicher Beziehungen für die Psyche und stellen eine wirkungsvolle Methode vor, um sich in Freundschaften immer wieder neu und intensiver kennenzulernen. „Freunde fürs Leben?“ heißt das Werk. Das Fragezeichen lädt zum Interview ein. Ein Gespräch rund um unsere wohl prägendsten und doch so oft vernachlässigten Bindungen

Wieso sind Freundschaften so wichtig?
Rebecca: Der Mensch ist ein Herdentier. Wir brauchen Bindung zu anderen Menschen zum Überleben. Und gute Freundschaften sind nachweislich förderlich für unsere körperliche und mentale Gesundheit. Gerade in Zeiten von Corona wird uns das, teilweise schmerzlich, bewusst. Zum Glück können wir Freundschaften immer wieder neu und anders gestalten, was sie in einer solchen Krise anpassungsfähig macht.

Was macht eine gute Freundschaft aus?
Rebecca: Das kann sehr unterschiedlich sein, je nachdem was einem wichtig ist. Das ist ja das Tolle an Freundschaften: Sie sind vielfältig und ganz individuell. Für mich persönlich spielt es eine große Rolle, dass ich mit meinen Freunden intensive und ehrliche Gespräche führen kann, in denen ich sie und mich selbst immer wieder neu und besser kennen lerne.
Rebekka: Ganz genau! Mit einer guten Freundin kann ich so offen über meine Gedanken sprechen, dass ich diese Gedanken selbst manchmal erst im Gespräch so richtig verstehe und weiterdenken kann. Ich kann mich fallen lassen und spüre, dass die andere mitmacht. In unserem Buch nennen wir das „platonisch nackt“ – in diesem Zustand legen wir unsere Rüstungen und Schutzschilder ab und zeigen uns, wie wir sind. In all unseren Facetten und Widersprüchlichkeiten.
Rebecca: Wir plädieren dafür, sich in Freundschaften authentisch und verletzlich zu zeigen. So kann echte Nähe entstehen, das Wichtigste in einer guten Freundschaft.

Warum scheint es so schwer, neue Freunde zu finden?
Rebekka: Von Schule, Studium oder Ausbildung sind wir es gewohnt, ganz automatisch mit Menschen in Kontakt zu kommen, ohne uns anstrengen zu müssen. Freundschaften entstehen scheinbar von selbst. Im Erwachsenenalter verändert sich das. Zunächst fordern vielleicht Beruf und Familie viel Zeit, irgendwann merken wir dann: Unsere Freundschaften sind dabei einfach hinten runtergefallen. Nun braucht es viel mehr aktive Offenheit und Initiativen, um neue Menschen kennenzulernen – oder an alte Freundschaften neu anzuknüpfen. Wir müssen nun also etwas tun, was vorher vielleicht noch nie nötig war. Doch es lohnt sich.

Was sollte man auch seinem besten Freund nie sagen?
Rebecca: Alles, was man nicht sagen möchte. Auch in guten Freundschaften darf man Geheimnisse haben. Man ist nicht verpflichtet, alles offen zu legen und nichts für sich zu behalten. Ja, authentisch und ehrlich zu sein, ist wichtig. Authentisch bedeutet aber eben auch, dass man etwas nur teilt, wenn man es wirklich will. Vielleicht ist man noch nicht bereit, über ein Thema zu reden, vielleicht muss man bestimmte Ereignisse erst verarbeiten und sortieren. Dafür sollte man sich eben auch in der besten Freundschaft Raum nehmen dürfen.
Rebekka: Außerdem denke ich, manchmal kann unbedingte Ehrlichkeit auch egoistisch sein. Wenn ein Gedanke die Freundin unnötig verletzen würde, tut man gut daran, ihn ihr nicht sofort ins Gesicht zu sagen. Stattdessen würde ich mir überlegen: Warum denke ich so? Welche Information aus diesem Gedanken braucht sie wirklich? Und wie kann ich ihr das respektvoll sagen?

Worin unterscheiden sich Freundschaften bei Männern und bei Frauen?
Rebecca: Da Männer und Frauen in unserer Gesellschaft immer noch unterschiedlich sozialisiert werden, unterscheiden sich natürlich auch die Beziehungsgestaltung und damit die Freundschaften. In unserer Wahrnehmung treffen sich Männer eher für gemeinsame Aktivitäten z.B. Sport, Zocken oder Biertrinken. Nebenher führen sie Gespräche, oft auch sehr tiefgründig, aber im Vordergrund steht erstmal die gemeinsame Aktivität. Frauen treffen sich zum Reden, dafür braucht es keinerlei Vorwand oder Rahmenbedingung. Wir erleben es tatsächlich sogar oft, dass wir uns verabreden, um einen Film zu schauen und am Ende dann doch aus Versehen
die ganze Zeit gequatscht haben. Die grundsätzlichen Bedürfnisse, die Männer und Frauen in Freundschaften haben, unterscheiden sich aber eigentlich nicht. So glauben wir, dass es Männern sehr gut tun könnte, sich mal ganz offen zum Reden zu verabreden, und Frauen sehr viel davon haben könnten, mal was gemeinsam zu erleben, ohne groß zu reden.

Woran kann eine Freundschaft zerbrechen, was sind die größten Reibungspunkte?
Rebecca: Eine Freundschaft kann immer dann zerbrechen, wenn mindestens einer von beiden keine Bereitschaft mehr hat, sie zu pflegen. Das muss zwar nicht zu einem dramatischen Ende führen, aber früher oder später wird die Freundschaft daran scheitern. Eine gute Freundschaft zu führen und zu erhalten, ist immer wieder eine Entscheidung. Eine Entscheidung dafür, Konflikte zu klären, Spannungen auszuhalten und Zeit und Energie zu investieren. Wenn man das nicht mehr tut, entscheidet man sich auch gegen die Freundschaft. Reibungspunkte hingegen finde ich für eine Freundschaft auch belebend. Ich diskutiere sehr gerne mit meinen Freund*innen und finde es sehr bereichernd, wenn sie unterschiedliche Meinungen und Standpunkte vertreten. Schwer auszuhalten wäre es für mich allerdings, wenn meine Freund*in nicht bereit ist, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen und Verantwortung für die eigene Entwicklung zu übernehmen.
Rebekka: Ich glaube, dass in Freundschaften auch die Verhandlung darüber, wie viel Nähe und Distanz beide brauchen, zu einem großen Reibungspunkt werden kann. In unserem Buch nennen wir das ‚die Gezeiten von Freundschaft’. Es ist normal und wichtig, dass auf eine Freundschaftsflut, also einer Zeit mit ganz viel Kontakt, auch mal Ebbe folgen darf. Ich finde es beispielsweise schwierig, wenn ich mich immer wieder dafür rechtfertigen muss, keine Zeit zu haben.

Wieviel Nähe verträgt eine Freundschaft und wieviel Distanz?
Rebecca: Das kann sehr verschieden sein. Wir alle brauchen Nähe – aber wie viel und wie häufig kann sehr weit auseinander liegen und sich auch individuell von Tag zu Tag unterscheiden. So lange man seine Bedürfnisse offen kommunizieren kann und gemeinsam um eine Lösung bemüht ist, verträgt eine Freundschaft eine ganze Menge Schwankungen.

Wann merkt man, dass es besser ist, eine Freundschaft zu beenden?
Rebekka: Wenn ich vor und nach Treffen mit einer Freundin wiederholt ein schlechtes Bauchgefühl habe, stimmt etwas nicht. Allerdings gilt es dann natürlich erstmal, in sich zu gehen: Woran liegt das? Was stört mich eigentlich? Und kann ich darüber zunächst offen und ehrlich mit der Freundin sprechen? Wenn auch wiederholte Klärungsversuche gescheitert sind, ist es vielleicht an der Zeit, sich zu trennen.

Warum wird Eure Freundschaft ein Leben lang halten?
Rebecca: Weil es gar nicht mehr anders geht. Wir haben schon so viel miteinander durchgestanden. Konflikte, Kontaktabbruch, Veränderungen. Wir haben uns immer wieder neu kennen gelernt und festgestellt, dass wir einan-der noch genauso wichtig sind wie immer – nur immer wieder anders. Es wird sicher noch einige Herausforderungen geben, aber auch die werden wir gemeinsam meistern. Weil wir uns eben immer wieder dafür entscheiden und es auch gar nicht anders wollen.
Rebekka: Das stimmt. Wir lassen uns mittlerweile Raum, genießen trotzdem eine wohltuende Nähe und pflegen unseren kreativen Austausch, beispielsweise in unserem Podcast „Platonisch nackt“, in dem wir über Psychologie und Kreativität, über unsere Berufe der Psychologin und der Schriftstellerin sprechen – ich denke, all das will keine   von uns wieder missen.