Einmal zum Äquator und zurück

Christian Horn Christian Horn

„Darum ist die Banane krumm!“ Marina Hethke sagt es und deutet auf ein Bündel Bananen, welches ein paar Meter über ihr hängt. Bananen wachsen aus den Blüten und wie alle Blüten, wenden die sich der Sonne zu. So wachsen die Bananen Richtung Himmel, nach oben. Dadurch wird die Banane schließlich krumm. Somit scheiden also Affen, die auf der Frucht schaukeln, definitiv als Grund für die Krümmung der Frucht aus.

Um das Ganze auch live zu sehen, muss man nicht erst nach Asien, Afrika oder Südamerika reisen. Es reicht schon ein Ausflug nach Nordhessen ins Tropengewächshaus in Witzenhausen. Die Einrichtung gehört zur Universität Kassel, die in Witzenhausen den Fachbereich 11, „Ökologische Agrarwissenschaften“ anbietet. Dabei ist das Tropengewächshaus aber kein geschlossenes akademisches Gebilde. Es ist offen für alle. Die gefragtesten Pflanzen liefern Tee, Kaffee und Kakao. „Wir sind es gewohnt, dass diese bei uns oft im Fokus stehen, aber das ist vollkommen in Ordnung“, erklärt Marina Hethke, die für das Tropengewächshaus zuständig ist. Denn die Pflanzensammlung konzentriert sich auf die nutzbaren Gewächse der Tropen und Subtropen, was deutschlandweit einmalig ist. So findet man etwa auch Baumwolle und Reis. Dinge aus dem Alltag in Deutschland, die aber aus fremden Ländern stammen und hier meist gar nicht angebaut werden können.

„Mehr als 430 Veranstaltungen führen wir derzeit pro Jahr durch. Dabei wollen die meisten Besucher nicht bloß eine Führung durch das Haus mitmachen, sondern sie wollen selbst etwas erleben und ausprobieren“, so Hethke. Entsprechend unterschiedlich sind auch die Besuchsangebote. Die Gäste sind bis zu 95 Jahren alt, also vollkommen unterschiedlich. Ob Ärztedelegation oder Kegelklub, Kita oder Seniorentreff, alle begeistern sich für diese fremden Welten. Rund 12.000 bis 14.000 Besucher kommen Jahr für Jahr vorbei. „Viele davon kommen zu unserem Pflanzenmarkt, der im April stattfindet.“
Coronabedingt finden derzeit jedoch noch keine Führungen statt einzelbesucher können jedoch nach Anmeldung

wieder kommen.
Das Team besteht aus dreieinhalb Stellen. Im Haus selbst trifft man aber deutlich mehr Menschen an. „Wundern sie sich nicht, wir haben viele studentische Praktikanten und Mitarbeiter“, so Hethke. Die Einrichtung und das Team sind dabei wie die Pflanzen des Hauses, es schlägt permanent neue Wurzeln und trägt immer wieder neue Früchte.
Und Hethke weiter: „Wir sind sehr gut mit anderen Einrichtungen und

Experten verknüpft und stehen im regen Austausch. Vor allem die Studenten und unser Team bringen immer wieder neue Ideen und Impulse ein. So ist im Außenbereich ein Garten entstanden, der die über 6.000-jährige Geschichte der Nutzpflanzen in Mitteleuropa. Die ältesten Nutzpflanzen, etwa die Linse, sind heute wieder verschwunden.“ Das meiste, was einen heute im Alltag begleitet, war in Europa gar nicht heimisch, etwa die Kartoffel.

Das Tropengewächshaus bleibt aber das Herzstück mit seinen drei Klimazonen, deren Schwerpunkten auf Afrika, Südamerika und Asien liegen. Je tiefer es in die „Tropen“ geht, desto wärmer und feuchter wird das Klima. Die Bananen und die Mimose haben es dabei am wärmsten. Beim Kakao ist es etwas kühler. „Hier im Haus dürften wir die größte Kakao-Plantage Deutschlands haben“, scherzt Rainer Braukmann, technischer Leiter im Haus. Er sorgt dafür, dass die Pflanzen die perfekte Umgebung zum Wachsen haben. Er selbst ist seit über 30 Jahren dabei. Die Einrichtung versteht sich als Lehr-und Forschungseinrichtung sowie als „grünes Schaufenster“ des Universitätsstandortes.

Die meisten Samen und Setzlinge vermehren dabei die Gärtner selbst in einem separaten Gewächshaus. Dort werden auch immer wieder neue Tests mit Pflanzen unternommen.
„Wir setzen in der Sammlung auf die Sortenebene und nicht auf eine Vielzahl von Arten. So haben wir etwa mehrere Sorten Reis und keine Zierpflanzen. Nicht die Anzahl an Pflanzenarten steht im Vordergrund, sondern die Vielzahl von nutzbaren Sorten einer Art. In der heutigen industriellen Landwirtschaft wird viel auf Monokulturen gesetzt. Wir hingegen bewahren eine Vielzahl unterschiedlicher Sorten einer Art, die unterschiedliche Eigenschaften haben und für unterschiedliche Zwecke geeignet sind“, erklärt Catherina Merx, Gärtnerin im Tropengewächshaus.

Eine weitere Besonderheit ist, dass im Tropengewächshaus jede Pflanze einen eigenen „Pass“ hat. Es ist genau dokumentiert, von wo sie stammt, welcher Art und Sorte sie angehört. „Unsere älteste Pflanze ist seit 1965 hier im Haus“, so Hethke. Dabei handelt es sich um eine Tannia, lateinsich Xanthosoma genannt. In diesem Jahr wurde das Haus auch errichtet. „Pflanzen, die uns etwa Besucher mitbringen, können wir nicht annehmen“, so Hethke.
Wer ganz viel Glück hat, der bekommt bei einer Führung, wenn diese wieder stattfinden, eine Kostprobe.
Weitere Informationen unter: www.tropengewaechshaus.de