„Die Natur wertet nicht“

Marcel Ehrig Harry Soremski

Das Laub raschelt unter den Schuhen, Kastanien liegen überall verstreut auf dem Weg vor uns und immer wieder findet die Sonne ihren Weg durch die Bäume und Blätter bis auf den Boden des Waldes. Der Herbst zeigt sich von seiner schönen Seite. „Wir hätten uns kein besseres Wetter wünschen können“, sagt Oliver Müller. Er ist Waldbademeister. Wer jetzt aber glaubt, Oliver Müller springt im Herbst in den Michelskopfsee, um jemanden vor dem Ertrinken zu retten, hat wohl noch nie etwas von Shinrin Yoku gehört.

Shinrin Yoku – was für Europäer im ersten Moment wie der neue Anime von Akira Toriyama klingt, ist eine Technik, die aus dem japanischen wörtlich übersetzt „im Wald baden“ bedeutet. Menschen aus Tokio fahren mehrere Male die Woche raus aus der Großstadt, um im Wald zumindest für ein paar Stunden dem hektischen Alltag zu entfliehen. „Wir werden ständig gefordert, ob im Job oder im Privatleben. Den ganzen Tag prasseln ungefiltert Eindrücke auf unsere Sinne, die Informationsflut ist in der heutigen Zeit gewaltig. In der Stadt zum Beispiel ist es laut und wir merken zumeist schon gar nicht mehr, wie uns dieser Lärmpegel innerlich stresst“, sagt Müller. Die Shinrin Yoku-Methode steht dagegen für Ruhe, Gelassenheit, Natur – frei von Esoterik oder Spiritualität.

Gelassenheit und Ruhe waren für Oliver Müller lange Zeit aber eher nichts. Bevor er vor zwei Jahren seine IHK-zertifizierte Ausbildung zum Waldbademeister begann, war er Führungskraft in einem weltweit agierenden Kosmetikunternehmen und für rund 150 Mitarbeiter verantwortlich. „Hätte man mich um 3 Uhr nachts geweckt und vor ein Publikum gestellt, wäre ich damals sofort aufgestanden und hätte den Clown gemacht. Insgesamt war mein Lebensstil damals nicht besonders gesund“, sagt Müller, haut sich dabei auf seinen Bauch und lacht.

Während unserer Tour bleibt er zwischendurch immer wieder stehen und lauscht in den Wald. „Hörst du, wie dieser Baum ächzt?“, fragt er dann. Früher hätte er die Geräusche eines Baumes im Wind wohl kaum weiter beachtet. Jetzt macht er andere Menschen auf diese und viele weitere Dinge im Wald aufmerksam.

„Durch Übungen werden beim Shinrin Yoku Körper und Geist wieder mit der Natur in Einklang gebracht. Eigentlich komisch, dass wir so etwas mit Übungen machen müssen, denn in diesem Umfeld haben wir Menschen Jahrhunderte lang gelebt“, sagt Müller und lässt seinen Blick durch den Wald schweifen.

Ein unerwarteter Todesfall in seiner Familie hat ihn Umdenken lassen. Was nützt der Job, all das Reisen, wenn das Wesentliche auf der Strecke bleibt? „Ich weiß es noch ganz genau“, erzählt Oliver Müller, „ich stand auf der Bühne und habe vor mehreren hundert Menschen über ein Vertriebsthema referiert. Und dann – als ob es klick gemacht hat – kam es mir grotesk vor, dass ich dort oben stehe und einen Vortrag über irgendein Thema halte.“ Nach und nach zog er sich aus seinem Job zurück, bis er ihn schließlich ganz aufgab.

Der moderne Begriff Shinrin Yoku ist rund 40 Jahre alt, die Methodik aber gibt es schon seit 100 Jahren und hat seinen Ursprung in Korea. Von Asien aus verbreitete sich das Shinrin Yoku bis nach Nordamerika, jetzt wird es zunehmend auch in Europa immer beliebter.

Also ist Shinrin Yoku das neue Yoga? So weit ist es noch nicht, doch Oliver Müller sieht das Potenzial. „Der Wunsch, den Alltag hinter sich zu lassen und zur Ruhe zu kommen, nimmt zu. Und die Leute merken, dass die Wirkung nicht gleich wieder verpufft, wenn sie zu Hause sind. Der Effekt von Shinrin Yoku ist bis zu 30 Tage lang messbar.“ Wie der Wald unser inneres Wohlbefinden verändern kann, daran wird zum Beispiel an der Ludwig-Maximilians-Universität in München geforscht. Erste Krankenkassen erkennen die Wirksamkeit der Methode schon an.

Als Gründer des noch neuen Vereins Shinrin Yoku Deutschland erhofft sich Oliver Müller ein europaweites, generationenübergreifendes Waldprojekt aufzubauen, welches sowohl Erholungs-, wie auch Schutzgebiete in heimischen Wäldern schafft. Diese Schutzgebiete sollen dann gemäß der Shinrin Yoku Philosophie von allen Menschen zur Gesundheitsvorsorge- und Förderung besucht werden können.

„Korebi“ nennen die Japaner den eingangs beschriebenen Moment, wenn sich die Sonne ihren Weg durch die vielen Bäume bis zum Waldboden bahnt. Für die Japaner ist das etwas Magisches. „Das Schöne ist ja: Die Natur kostet nichts, verlangt keinen Eintritt“, sagt Oliver Müller. Und als ob das nicht schon ein starkes Argument wäre fügt er hinzu. „Die Natur wertet und richtet auch nicht, sie nimmt uns so wie wir sind. Und all das, zur freien Verfügung, haben wir vor unserer Haustür. Das sollten wir zu schätzen wissen.“