Der Reinhardswald: Mehr als nur ein Wald

Ulf Schaumlöffel Ulf Schaumlöffel

Wir haben in der Region viele Wälder. Doch der Urwald im Reinhardswald gehört mit zu den Schönsten − ist wahrscheinlich sogar der Schönste! Seit gut hundert Jahren ist der Wald sich weitestgehend selbst überlassen. Und das macht den märchenhaften Charme des Naturparks aus. Für Ausflügler und Naturfans aus nah und fern ist der Urwald ein beliebtes Ziel. Für Fotografen ist der Park ein Eldorado. Und das bei jedem Wetter! Es scheint mir allerdings so, als würde der Wald gerade im Herbst und Winter noch ein bisschen mehr zu jenem verwunschenen Ort werden, den wir aus den Märchen unserer Kindheitstage kennen.

Nebel hüllt den Wald wie ein Schleier ein. Das herabfallende Laub und Äste knistern unter den Schuhsohlen. Aus der Ferne hört man die Laute der Bewohner des Tierparks Sababurg. Die gewaltigen Eichen im Urwald Sababurg haben teilweise einen Umfang von acht Meter und sind mindestens 200 Jahre, zahlreiche bereits 400 Jahre und einige sicher über 800 Jahre alt. Da die ältesten innen bereits hohl sind, ist eine genaue Altersbestimmung nach den Jahrringen nicht mehr möglich. Viele Eichen und Buchen sind bereits umgefallen und bilden als Tot- und Lagerholz ebenfalls einen imposanten Anblick.

Der heutige Urwald Sababurg ist aus einem Hutewald entstanden. Die ältesten Eichen wurden von unseren Vorfahren so übernommen, wie sie die Natur geschaffen hatte. Dann begann man, in weitem Abstand gezielt Hutewälder zu pflanzen. Solche Bestände findet man aber nicht nur im „Urwald“, sondern an vielen Stellen im Reinhardswald. Die weit ständigen Eichen erzielten gute Masterträge und waren für die Viehweide sehr wichtig. Das Naturschutzgebiet liegt aber in einem Bereich, in dem die Buche ihre optimalen Wuchsbedingungen hat. Nach Aufgabe der Hutenutzung hat sich in dem Gebiet die Buche stark verjüngt und ist inzwischen zu einem dichten Bestand herangewachsen. Die Eichen können sich gegen diesen Druck der Buche nicht wehren, werden überwachsen und erdrückt. Um die Eichen vor dem Druck der Buche zu schützen, werden seit über zehn Jahren die Buchen zurückgedrängt und auf Freiflächen neue Eichen gepflanzt.

Für den Schutz der knorrigen Alteichen an der Sababurg haben sich bereits im vorigen Jahrhundert Künstler, wie die Maler Theodor Rocholl und Peter Paul Müller sowie der Pianist Ernst Rudoroff eingesetzt. Heute sind 92 Hektar als Naturschutzgebiet „Urwald Sababurg“ ausgewiesen. Der Urwald bietet nicht nur ein Naturerlebnis pur, sondern auch zahlreichen Pflanzen, vor allem Pilzen und Flechten und Insekten einen geeigneten Lebensraum. Zur Lenkung des Besucherverkehrs wurde auf der gegenüberliegenden Straßenseite vom „Urwald“ ein Parkplatz angelegt und ein Rundwegesystem entwickelt. An feuchten Stellen sind Bohlenwege gebaut. Der Hinweis, dass man das Naturschutzgebiet auf eigene Gefahr betrete, kennzeichnet die Rechtslage beim Betreten. Die alten Bäume mit ihren absterbenden Ästen beinhalten Gefahren, die im normalen Wirtschaftswald in der Form nicht gegeben sind. Die Beseitigung der alten Bäume verstößt aber gegen die Schutzverordnung. Man kann daher nur an die Vernunft der Gäste appellieren, bei starker Windbewegung, Gewitter, Nassschnee oder Eisanhang das Naturschutzgebiet zu meiden.

Es ist endlich geschafft: Der Reinhardswald ist nun offiziell einer von zwölf hessischen Naturparks. „Wir haben eigens das Gesetz geändert, um in Hessen neue Naturparks ausweisen zu können. Ich bin froh, dass der Reinhardswald als neuer Naturpark davon profitieren kann“, so Umweltministerin Priska Hinz bei der Übergabe der Verleihungsurkunde Anfang November im Tierpark Sababurg. „Naturparks sind ein Erfolgsmodell für den Umweltschutz und die Stärkung des ländlichen Raums daher sind Naturparks besonders wichtig“. Die Bedeutung der Naturparks als Orte der Begegnung von Menschen mit Natur und Landschaft ist unbestritten − verständlich daher die langjährigen Bestrebungen der Region, einen Naturpark Reinhardswald auszuweisen. Diesem Wunsch standen bis Dezember 2015 jedoch die gesetzlichen Rahmenbedingungen entgegen. „Vor diesem Hintergrund habe ich 2015 ein Gesetz auf den Weg gebracht, das die Neuausweisung und die Arrondierung von Naturparks wieder ermöglichen. Ich freue mich, dass ich dem Wunsch der Region über die Neuausweisung des zwölften Hessischen Naturparks Reinhardswald jetzt endlich entsprechen kann“, kommentierte Hinz die Ausweisung des Naturparks.

Dramatische Bäume, verschlungene Pfade: Ein Spaziergang durch den Reinhardswald offenbart märchenhafte Motive.