Der lange Atem: Stadtplanung braucht Zeit

Jens Thumser Harry Soremski
Die Kasseler Architektin und Planerin Barbara Ettinger-Brinckmann, Präsidentin der Bundesarchitektenkammer.

Ist das Kunst oder kann das weg? Diese provokante Frage gilt nicht nur für moderne Kunst, sondern darf gern auf den Bereich der Architektur und der Stadtplanung ausgeweitet werden. Wir alle haben uns doch schon hin und wieder mal gefragt, warum da oder dort ein Gebäude so steht, wie es steht – oder überhaupt noch steht. Über die vielen Perspektiven bei der Betrachtung von städtischer Bebauung, besonders im urbanen Zentrum unserer Metropole Kassel haben wir uns mit der Kasseler Architektin und Planerin Barbara Ettinger-Brinckmann – ihres Zeichens seit 2013 Präsidentin der  Bundesarchitektenkammer – ausführlich unterhalten. Seitdem sehen wir die Stadt mit anderen Augen.

„Kassel hat nach dem Krieg – wie auch Hannover oder Frankfurt – einen Neuaufbau gewagt und sich nicht an dem historischen Stadtgrundriss orientiert!“, erklärt Ettinger-Brinckmann vorweg. Das war seinerzeit eine Gretchen-Frage. Entweder, oder. Kassel entschied sich für oder. Und dennoch ist auch dieser Weg nicht ganz abgekoppelt von der Planung noch zur Nazi-Zeit zu sehen – und bereits davor. Die Veränderung der Altstadt begann in den 20er Jahren und beruhte auf den Ideen der Moderne und des Internationalen Stils. Denn schon damals hatte man mit Kassel große Pläne, die sich an vielen Stellen nicht mit der engen Altstadt hätten realisieren lassen.

„Un-Orte“ mitten in der Stadt bieten städtebauliches Nachholpotenzial − wie hier am Seidenen Strümpfchen.„Un-Orte“ mitten in der Stadt bieten städtebauliches Nachholpotenzial − wie hier am Seidenen Strümpfchen.

Manche Straßenschneise von heute stammt aus jener Zeit. Zudem muss berücksichtigt werden, dass damals – besonders in der Altstadt – sehr beengt gewohnt wurde, bei unter sehr schlechten hygienischen Bedingungen. „Auch wenn die 1100 Jahre alte Stadt nur noch an sehr wenigen Stellen erkennbar ist, hat Kassel dennoch viel zu bieten!“, hält Ettinger-Brinckmann fest. „Der anfängliche Planungssadismus wandelte sich in den 80er-Jahren hin zu gelungener Stadtentwicklung.“ Sie betont immer wieder, dass Stadtplanung und -entwicklung Zeit braucht. Betrachtungszeiträume von weniger als fünf Jahren entsprechen nahezu einem Wimpernschlag.

Hinzu kommt auch, dass viele Nachkriegsprojekte in Kassel in die Zeit der autogerechten Stadt gefallen sind – mit Folgen, die bis heute an vielen Stellen sichtbar sind. „Denken Sie an einige Bereiche unterhalb des Königsplatzes: Am Seidenen Strümpfchen gibt es »Un-Orte« mit Schuppen, Müllhaufen und Garagen – mitten in der Stadt! Hier gibt es noch Nachhol-Potenzial. Wichtig ist aber, dass Architektur immer städtebaulich bezogen sein sollte. Wenn sich ein Gebäude nicht in das Umfeld einbindet, dann ist es nur die halbe Miete.“ Eine spannende Pointierung, und in erster Linie keine Kritik am Architekten an sich. Denn wir müssen uns bewusst machen, dass gerade neue Projekte in einem Räderwerk von Rahmenbedingungen entstehen. Besonders hebt Ettinger-Brinckmann dabei die Nutzung eines Gebäudes hervor. Sie bestimmt maßgeblich den Charakter der unmittelbaren und mittelbaren Bebauung.

Das EAM-Gebäude am Beginn der Treppenstraße ist ein städtebaulicher Kontrapunkt zur niedrigen Bebauung im weiteren Verlauf der Treppenstraße.Das EAM-Gebäude am Beginn der Treppenstraße ist ein städtebaulicher Kontrapunkt zur niedrigen Bebauung im weiteren Verlauf der Treppenstraße.

„Beim ehemaligen Stadtbad Mitte wurde zum Beispiel eine Chance vertan – neben Büro und Einzelhandel ist das Thema Wohnen zu kurz gekommen. Architektonisch alles prima, das Gebäude ist schön. Aber hier wurde versäumt, die Vielfalt der Nutzung gut zu berücksichtigen. Und noch etwas: „Mit einer Einbeziehung des Umfelds wie Lutherplatz und Kurt-Schumacher-Straße hätte man eine gute Gelegenheit gehabt, für ein erstes Stück Stadtreparatur.“

Bestes Beispiel, wie Nachkriegsbebauung gelingen kann, ist das ehemalige EAM-Gebäude am Beginn der Treppenstraße. „Landmarking“ nennt das die Expertin. Weithin sichtbar und wahrhaftig. Auch wenn die nachfolgenden Gebäude im weiteren Verlauf eher etwas niedrig angelegt sind. Unbestritten ist auch für sie das
AOK-Gebäude am Friedrichsplatz. „Ein fabelhafter Beleg für eine Sanierung von 50er-Jahre Wohnungsbau ist beispielsweise die Wohnbebauung gegenüber der Markthalle in der Innenstadt. Hier gelingt es hervorragend, den Bestand den aktuellen Bedürfnissen der Nutzer anzupassen.“ Dennoch haben auch historische Entscheidungen immer noch – manchmal auch nachteiligen – Einfluss auf das Stadtbild. Dieser Entwicklung wird schon einige Zeit entgegengewirkt und findet auch entsprechend Einzug in den einschlägigen Gesetzen. Und damit einher geht eben auch eine höhere Verdichtung und bessere Durchmischung von Nutzung der Stadtflächen und -bebauungen. „Wohnen und Arbeiten sollte enger verknüpft werden“, erklärt die Planerin überzeugend.

Sanierter 50er-Jahre Wohnungsbau, perfekt angepasst auf moderne Bedrüfnisse.Sanierter 50er-Jahre Wohnungsbau, perfekt angepasst auf moderne Bedürfnisse.

Ein interessantes Beispiel, wie an dieser Stelle der Gesetzgeber – und nicht etwa der Bombenhagel des zweiten Weltkriegs – Einfluss auf die Gebäudehöhe nimmt, erkennt man an einigen Eckhäusern in der Frankfurter Straße. Dass diese so niedriggeschossig sind, ist nicht etwa der britischen Luftwaffe zuzuschreiben, sondern der Beschränkung seitens des Gesetzgebers bezüglich der Geschossflächenzahl pro Grundstücksfläche nach dem Krieg. Zurück geht diese Idee auf die Charta von Athen, in der man nach dem Motto „Licht, Luft und Sonne“ die „funktionale“ Stadt als Ziel entwarf. Heutzutage geht man zurück zu urbanen Wurzeln. Nach der „autogerechten Stadt“, deren Umsetzung ja auch in Kassel ihre Spuren hinterließ, ist man nunmehr auf dem Weg, die Flächen für Wohnungen und Arbeiten innerhalb der Stadt wieder stärker zu verdichten. „Es ist die Abkehr von der separierten Stadt, weg vom Aufteilen nach Wohnen, Einkaufen und Produzieren! Hin zur Europäischen Stadt der kurzen Wege“, erklärt die Kammerpräsidentin.

„Kürzlich hat »Der Spiegel« in einer Umfrage festgestellt, dass die Atmosphäre die Attraktivität einer Stadt bestimmt – Gebäude, Plätze und Straßen. Erst danach folgte der Einzelhandel und dessen Mischung“, führt die Initiatorin und Vorsitzende des Kasseler Architekturzentrums weiter aus. „Wir haben sicher keine regelrechte Altstadt mehr in Kassel, aber schon allein der Friedrichsplatz als Fläche mitten in der Stadt ist einzigartig. Er ist praktisch ein »Stadtbalkon« mit Blick in die Landschaft!“ Ettinger-Brinckmann kommt ins Schwärmen über die Weite an dieser Stelle und die besondere Bebauung rundherum.

Verbindung von Architektur und Kunst: Das Treppenhaus der AOK am Friedrichsplatz mit der Klanginstallation von Max Neuhaus. Verbindung von Architektur und Kunst: Das Treppenhaus der AOK am Friedrichsplatz mit der Klanginstallation von Max Neuhaus.

Zum Abschluss unseres Gesprächs greift sie nochmal ein aktuelles Thema auf: „Doch der jetzt wunde Punkt in der Innenstadt ist der 70er-Jahre-Anbau des Rathauses. Leider stehen für dieses Areal offenbar nicht ausreichend Mittel für eine grundlegende neue Architektur mit dem Korrektiv im Stadtgrundriss – wie beispielswiese in Frankfurt – zur Verfügung. Darüber sollte man nochmals gründlich nachdenken und es kann darum nur generalsaniert werden. Das ist eine ebenso vertane Chance.“ Zumindest die Erdgeschossebene, die Front zum Karlsplatz und dem Kino gegenüber sollte doch stark überarbeitet werden – weg von Müllcontainern, Holzpaletten und Stellplatz-Nischen – ergänzt sie. Ihre Leidenschaft für Städtebau und ihr Herz für die Menschen, die darin wohnen – das ist fast mit Händen greifbar. Bei aller Freude über gelungene Gebäude, gelingende Sanierungen und weitsichtige Planer spürt man unmittelbar ihre Begeisterung für die Sache –und ihre Stadt. So endet das Gespräch darüber zwar, aber die Gedanken kreisen noch immer. Und der Blick beim  Spaziergang durch die Stadt ist nun ein anderer.

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