Den nächsten Griff immer im Blick

Nadja Feldle Harry Soremski

Die Hände sind bedeckt mit Magnesia und finden zielsicher den nächsten Griff an der bunten Kletterwand der Vertical World Kassel, die eine der ersten Hallen mit eigenem Boulderbereich in Deutschland war.

Paul Neumann zieht sich geschmeidig die rund vier Meter hohe Boulderanlage hoch, den Blick immer auf den nächsten Griff, genannt Boulder, der farbig markierten Route gerichtet. Die trainierte Schulter- und Armmuskulatur zeichnet sich deutlich ab. Gesichert ist der 32-Jährige dabei nicht – nur eines der Merkmale beim Bouldersport.

Denn beim Bouldern klettert man ohne Seil oder Gurt an Felsen oder künstlichen Kletterwänden, bleibt auf einer geringeren Höhe und Matten am Boden schützen bei eventuellen Stürzen.

„Man braucht keine besonderen Fähigkeiten um zu bouldern. Jeder kann sich Kletterschuhe leihen und sich an der Wand probieren. Auch ein Partner zur Sicherung ist nicht nötig. So erklärt sich auch der Hype, der seit 2005 immer noch anhält und Bouldern zum Trendsport machte und vielleicht auch in einigen Jahren zum Breitensport werden lässt.“

Vor 16 Jahren fand der studierte Sportwissenschaftler und Biomechaniker zu dieser Sportart, klettert seither regelmäßig in verschiedenen Hallen, erstellt für Kletterzentren neue Boulderrouten und war zwei Jahre lang Chefschrauber in der Kletterhalle Dynodrom Frankfurt.

Seit einem Jahr wohnt Paul Neumann in Kassel, arbeitet für die Sportakademie eines Orthopädie-Fachgeschäfts und testet im Habichtswald auch mal Felsen auf ihre Boulder-Tauglichkeit. Denn: „Jeder guter Kletterer geht raus und sucht die perfekten Bedingungen.“

Ideale weil anspruchsvolle Routen gibt es auch in der Boulder Bundesliga. „Diesen Wettbewerb gibt es erst seit 2016 und jeder kann mitmachen.“, erklärt der in Jena geborene Sportler.

Am Ende der Saison qualifizieren sich die besten Teilnehmer für den Vorentscheid und kommen anschließend für das Top 6-Finale. In der vergangenen Saison 2019 belegte Neumann dabei Platz 4 im Finale, in der Gesamtwertung lag er auf Platz 6, in der Teamwertung sogar auf Platz 1.

Bouldern wird bei den diesjährigen Sommerspielen als olympische Kombination aus Bouldern, Schwierigkeits- und Speedklettern erstmals Teil des Programmes sein.

„In den letzten Jahren hat sich der Klettersport aus den verstaubten Hallen heraus vermehrt zu einem cleanen Fitnessstudio-Ersatz entwickelt. Besonders für Menschen mit Rückenschmerzen oder einem Bürojob ist diese Art der Bewegung ideal“, sagt Neumann.

Denn Bouldern trainiert nahezu alle Muskelgruppen. Besonders Finger, Unterarme, Schulter- und Armmuskulatur werden beansprucht, doch die meisten Bewegungen kommen aus dem ganzen Körper. Zudem verbessert das regelmäßige Klettern die Beweglichkeit, Koordination und das Körpergefühl.

Und das sieht man eindrucksvoll, wenn sich Paul Neumann selbst an Überhängen oder der stark geneigten Wand mühelos in die Höhe zieht.