Das Gedächtnis der documenta: Im Gespräch mit Dr. Birgit Jooss

Jens Thumser Harry Soremski

Lange schlummerte das documenta Archiv, zumindest in der Wahrnehmung der Kasseler Bürger. Aber im letzten Jahr ging es plötzlich holterdiepolter. 60 Jahre documenta, das musste gefeiert werden. Das Land Hessen steigt – vor allem finanziell – ein und sagt zusätzliche Mittel in Höhe von einer halben Million Euro jährlich zu. Das verdoppelt den Jahresetat des Archivs mit einem Streich. Und dann wechselt nach nur zwei Jahren auch die Leitung des Archivs. Wir treffen die neue Chefin Dr. Birgit Jooss und fragen nach.

Es riecht nach Staub und altem Papier. Umzugs- und Bananenkartons stapeln sich in den Gängen des Dock 4 hinter dem Fridericianum. Die Flure sind hell erleuchtet, es herrscht rege Betriebsamkeit. Hinter jeder Tür fleißige Frauen und Männer, von denen man nicht weiß, was sie da tun. Die Hände sind in weißen Baumwollhandschuhen und schützen so die wertvollen Originale – Fotos, Dias, Mitschriften – während der Arbeit. Wir beobachten das Team des documenta Archivs Kassel aufmerksam und sind erfasst von der konzentrierten Stille und zugleich freundlichen Atmosphäre.„Ein Archiv und seine Posten sind auf Dauer angelegt“, das ist ein Zitat aus einem Interview aus 2015 mit Dr. Jooss, erschienen im Berliner Tagesspiegel. Gilt es auch für das documenta Archiv? „Selbstverständlich!“ sagt sie. „Und in zweierlei Hinsicht sogar. Zum einen muss man sich selbst mit der Geschichte und den archivierten Objekten vertraut machen und einen Überblick gewinnen. Zum anderen geht es darum, den Besuchern und Nutzern des Archivs, die Stücke und Inhalte zugänglich zu machen. Das kann nicht in wenigen Tagen gelingen!“.

Chefin des documenta-Archivs: Dr. Birgit Jooss. Fotos: SoremskiChefin des documenta-Archivs: Dr. Birgit Jooss.

Es ist viel, viel Arbeit. Katalogisieren, verschlagworten, in Datenbanken erfassen. Und das mit einer schier unüberschaubaren Menge an Material. Schließlich befinden sich nicht nur Bücher, Fotos und Dias in diesem Archiv. Künstlermanuskripte, Video-Aufnahmen, Konzeptpapiere der zahlreichen Kuratoren und viele Dinge mehr müssen gesichtet und bearbeitet werden.

Jede documenta Leitung übergibt an das Archiv kistenweise – mittlerweile auch festplattenweise – Papier, Bits und Bytes. Und leider fast immer, ohne vorher die weitere Verarbeitung und Verwertung geklärt zu haben. Hier wartet die nächste große Aufgabe für Dr. Jooss und ihr Team: Urheberrechte berücksichtigen, Nutzungsrechte abstecken, Einschränkungen festlegen. Eine Sisyphos-Arbeit? Dr. Jooss sieht das nicht so. Sie hat vor ihrem Amt in Kassel knapp acht Jahre im Deutschen Kunstarchiv im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg gearbeitet und gilt als ausgewiesene Archiv-Fachfrau. Sie lebt Archiv, man spürt die Leidenschaft für diese Aufgabe. Auf dem Weg von ihrem Büro hin­über in die Bibliothek schaut sie den Kollegen über die Schulter – sie freut sich über jeden Handgriff, jedes Blatt in diesem Haus. Wir stehen vor den riesigen Regalen, populäre Künstlernamen stehen auf den Ordnerrücken und Kartons.

16_08_02_Magazin-34_Birgit-Jooss_9220

Man kommt ins Schwärmen über die vielen 100 Tage Kunst, die unsere Stadt erlebt hat. Kein leichtes Erbe, dass sie hier zu archivieren hat. Und manchmal wahrhaftig Erbe! Das Archiv beherbergt unzählige Akten aber zusätzlich auch noch drei Nachlässe. Zum einen den von Arnold Bode, der 1955 die erste documenta in Kassel realisierte. Dazu den Nachlass des documenta-Teilnehmers und Plakatkünstlers Hans Georg Hillmann. Und nicht zuletzt der Nachlass von Harry Kramer, der den Kasselern nicht nur von der Hochschule für bildende Künste in Erinnerung ist, sondern auch als Initiator der Künstlernekropole am Blauen See. Doch auch damit nicht genug. Der Kasseler Fotograf und Hochschulprofessor Floris M. Neusüss übergab bereits 2012 Teile seines Vorlasses an das documenta Archiv.

„Das documenta Archiv ist das Gedächtnis der documenta!“, fasst Jooss zusammen und lächelt vieldeutig. Sie kann so konzentriert sein und so fokussiert. Und dann blitzen immer wieder – fast schelmisch – ihre Augen auf, wenn sie ihre Arbeit beschreibt, wenn sie über Kassel spricht und das Team, dass sie so herzlich willkommen hieß. Sie steht mit beiden Beinen fest auf dem Boden der Tatsachen, ein Fels in der Brandung der stürmischen Papierfluten, die sie umgeben. Mal ganz leise und fein im Ton, dann wieder bestimmt und voller Überzeugung spricht sie über die Vielfalt des Berufs. Es reizt sie besonders die Internationalität, die das documenta Archiv mit sich bringt. Und außerdem die bevorstehenden Aufgaben, die sich um Struktur, Ausrichtung und Ausstattung des Archivs drehen.

„Archivarbeit ist nie fertig“, sagt sie. Damit muss man erst mal fertig werden. Kein Ende in Sicht. Jeder Tag ein neuer Anfang. Auch wenn sie in Darmstadt geboren ist, so ist sie Münchnerin – da ist sie groß geworden. Ihr neues Zuhause ist Kassel, der große endgültige Umzug ist voll­zogen. Sie freut sich darauf, ihren Mann hat sie mitgebracht. Es wird viel von ihr erwartet, das Archiv braucht ein Profil. Was wünscht sie sich zuerst für das Archiv? „Die räumliche Situation ist prekär. Archivalien gehören in ein Depot, klimatisiert und möglichst staubarm. Nutzer sollten einen getrennten Arbeitsraum haben und Mitarbeiter des Archivs ebenso. Das wird eine der ersten Herausforderungen!“

Eine übergreifende Datenbank muss her, Schnittstellen zu existierenden Portalen müssen geschaffen werden. Und nicht zu vergessen: Die Arbeit mit den Archivalien. Ausstellungen schweben ihr vor, eine bessere Zugänglichkeit. Es gibt so viel zu entdecken „hinter“ dem, was man als Besucher der einzelnen documenta Ausstellungen erlebt, sagt sie. Da spürt man ihn wieder, den „Virus“ documenta. Sie ist infiziert, es hat sie gepackt. Zwischen jeder der 100-Tage-documenta-Ausstellungen liegen über 1.700 andere Tage, an denen das Archiv der Welt zur Verfügung steht. Diese Aufgabe ist ihre Berufung. Die hat sie sich ausgesucht. Wir werden gespannt sein, wie Dr. Jooss das Archiv verändern wird. Eine Aufgabe ohne Ende. Sie wird nie fertig sein. Wie spannend, wie reizvoll. Wie schön.

16_08_02_Magazin-34_Birgit-Jooss_9316

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.