Berlin, Berlin, wir rollen nach Berlin!

Victor Deutsch Harry Soremski

Man stelle es sich vor: Da kommt man mit Kind und Kegel am Flughafen an, das Reisegepäck mühsam hinter sich her schleifend – da kein Helfer auf Rollen verfügbar ist, der den Weg zum Einchecken   erträglich macht. So ähnlich muss es dem Fasshändler August Manss jr. direkt nach dem zweiten Weltkrieg 1946 in Wien gegangen sein. Sein Vater August Manss sen. hatte mit seinem Onkel Rudolf schon vor dem ersten Weltkrieg einen Fassgroßhandel in der Ochshäuser Straße 26 aufgezogen.

Die Last mit den schweren Fässern war August Manss jun. also seit vielen Jahren  bekannt. Und brachten ihn zu einer Idee:  Die Konstruktion einer Handtransportkarre.  1953 folgte die Patentanmeldung. Und damit war das erste Produkt von vielen folgenden geboren, die eine weltweite Erfolgsstory von Manss‘ Heimatstadt Kassel aus schreiben.  1968, das Reisen wurde schick im Wirtschaftswunderland, folgte die Produktion der ersten Gepäckwagen.

Heute greifen Reisende weltweit bei ihren Wegen an Flughäfen und Bahnhöfen nach den rollenden Helfern. Unter dem Firmennamen „Expresso“ und als Teil der Joachim Loh Unternehmensgruppe sind die Fluhafen-Trolleys aus Kassel auf allen fünf Kontinenten im Einsatz. „Unsere Gepäckwagen sind äußerst robust, langlebig und halten allen Klimabedingungen stand“, preist Dr. Alexander Bünz, Geschäftsführer der Expresso Deutschland GmbH die Qualität. Made in Kassel sei für das  Unternehmen, das in mehreren internationalen Niederlassungen derzeit etwa 180 Mitarbeiter beschäftigt, ein wichtiges Qualitätssiegel. Schon die Wahl der Geschäftspartner sie bedeutsam: „Unsere Lieferanten für die Aluminium- und Kunststoffkomponenten der Gepäckwagen kommen aus der Region und aus Deutschland.“

Selbst in Spitzbergen, am 78. Breitengrad und damit dem nördlichsten Flughafen der Welt mit Linienbetrieb, sind sie anzutreffen.  Das große klimatische Spektrum der Einsatzorte stellt die härtesten Anforderungen ans Material, denn die Gepäckwagen müssen allen Klimabedingungen standhalten: vom harten Winter an kanadischen Flughäfen wie Vancouver, Calgary und Montreal, über trockene Wüstenregionen wie Dubai und Saudi-Arabien bis hin zu feuchtwarmen Tropenländern wie Singapur, Curacao, Costa Rica und Kuala Lumpur.“ Dazu ist ein gutes  Handling Voraussetzung für zufriedene Reisende – und Mitarbeiter. Die Expresso-Gepäckwagen werden aus einer hochfesten und witterungsbeständigen Spezial-Aluminium-Legierung gefertigt und sind daher 50 Prozent leichter als Gepäckwagen aus Stahl. Ein Riesenunterschied, denn Servicemitarbeiter müssen täglich lange Gepäckwagenreihen einsammeln und über den gesamten Flughafen transportieren.

Unsere Gepäckwagen werden ausschließlich bei uns im Werk in Kassel montiert und sind weltweit im Einsatz.“

Dr. Alexander Bünz, Geschäftsführer Expresso Deutschland GmbH

Und manchmal müssen nicht nur Flugreisende am Gepäckband  mit den Wagen auf ihre Taschen und Koffer warten; auch die Wagen selbst müssen manchmal  Geduld haben.  Bereits im Jahr 2012 hatten die Kasseler 1.900 Gepäckwagen für den Berliner Flughafen geliefert. Als feststand, dass sich die Eröffnung des Flughafens verschieben würde, wurden die Wagen zunächst an den Flughäfen Tegel und Schönefeld eingesetzt.

Jetzt kommen sie, auf die geforderte BER-Spezifikation im Kasseler Werk umgearbeitet, am neuen Airport endlich zum Einsatz. Zusammen mit über 500 weiteren Wagen, die zwischenzeitlich nachbestellt wurden. Eine der Vorgaben für die Wagen des international agierende Unternehmen aus Nordhessen: Sie dürfen auch bei Vorbeifahrgeschwindigkeiten von Zügen bis maximal 120 km/h sich auf dem Bahnsteig nicht selbstständig machen. Denn die Wagen werden zukünftig an allen öffentlich zugänglichen Orten im Innen- und Außenbereich des BER im Einsatz sein. Und die Reisenden werden den Flughafen auch per Bahn über den im Gebäude integrierten Bahnhof erreichen können. Viele von ihnen nehmen dann ein gutes Stück aus Kassel in die Hand. Übrigens: Die Nachfolger der Sackkarren, die August Manss einst erfand, machen weiter einen beachtlichen Teil des Umsatzes des nordhessischen Traditionsunternehmens aus.  Wie ihre gepäckfördernden Geschwister  laden und transportieren auch sie Lasten weltweit.