Auf Hüfthöhe in die Schwerelosigkeit

Isabell-Carolyn Schulz Harry Soremski

An zwei Deckenbefestigungen hängen lange Gurte herunter. Zwei Stahlkarabiner klicken und verankern daran das königsblaue Tuch aus dehnbarem Nylonfasergemisch.

Zu vergleichen sei Aerial Yoga laut Mirlinda Mazrekaj mit einer frühkindlichen Erfahrung, die jeder von uns vor seiner Geburt gemacht hat – getragen und geschaukelt zu werden im behaglichen Mutterleib. Nach der ersten Unterrichtsstunde sei Mirlinda, die in Yogakreisen „Miri“ genannt wird, klar gewesen, dass Aerial Yoga genau das Richtige für sie ist.

„In mir wurde sofort etwas berührt. Etwas, das sich lange Zeit danach gesehnt hat, gestillt zu werden, weil ich noch nichts passendes gefunden hatte“, erzählt die 25-Jährige. „Zuhause schwinge ich täglich im Tuch und brauche das Kopfüberhängen darin am   frühen Morgen, wie manch anderer seinen Kaffee. Da wird man wach“, ergänzt Kollegin Daniela Paul, genannt „Dana“.

Denn mittlerweile begeben sich die beiden in den Tüchern nicht mehr nur in den Schmetterling oder die Taube in der Umkehrhaltung, um im Halten der Posen ihre Entspannung zu finden. Sie unterrichten das beruhigend wirkende Schaukeln und Schwingen im Tuch auch professionell bei Satya-Yoga in der Tannenkuppenstraße. Dort starten Miri und Dana derzeit mit acht Teilnehmenden pro Kurs hüfthoch über dem Boden in die Schwerelosigkeit. Die demonstrierten Körperhaltungen sehen dabei höchst akrobatisch aus.

„Beim Aerial Yoga geht es aber weniger um Akrobatik, sondern hauptsächlich um Kräftigung und Entspannung“, betont Miri und verbindet mit der aus Amerika stammenden Yogaform vor allem Geborgenheit. Durch das Schaukeln und Turnen könne die Dozentin für Aerial Yoga „ihr inneres Kind herauslassen“ und beschreibt: „Ich schaffe mir einen Raum, in dem ich für einen Moment die Kontrolle loslassen kann und mich entspannt und geborgen fühle.“ Darüber hinaus stärke Aerial Yoga nicht nur ihren ganzen Körper, „Ich kann mich gleichzeitig auch an das Tuch abgeben und habe einen unterstützenden Halt“, erklärt Miri weiter.

Dana definiert Aerial Yoga ihrerseits als Spiel mit der Schwerkraft, bei dem es darum geht, sich mit sich selbst und seinem Körper zu verbinden. „Aerial Yoga ist nicht leistungsorientiert, der Fokus liegt nicht auf Sport und Fitness. Vielmehr soll der Körper spielerisch neu erfahren werden“, sagt Dana. So formenreich das herausfordernde Balancieren zwischen Loslassen und Gehalten-Werden ist, so vielschichtig wirkt es auch auf den Körper.

„Man erzielt schwerelos die Dehnung des ganzen Körpers und muss trotzdem das Gleichgewicht halten. Dabei wird die Wirbelsäule so ausgehangen, wie sie sonst nirgends entspannt“, erläutert Dana. Das trapezförmige, zwei mal vier Meter große Aerial Yogatuch diene ebenso der Akupressur, indem es bestimmte Druckpunkte am Körper stimuliere und dadurch die Entgiftung anrege. Dana findet ihre Entspannung im Aerial Yoga bereits seit vier Jahren und sei dadurch achtsamer geworden. „Ich bin im Alltag sehr ‚verkopft‘ und kann durch Yoga vom Kopf in den Körper gelangen, kann im Jetzt ankommen“, schildert die 43-Jährige.

Wer dieses Gefühl nur zu gut kennt und sich auch einmal in der Luft von dem elastischen Tuch umschlingen und halten lassen möchte, kann mit ausgebildeten Lehrer*innen sofort loslegen. Außer eng anliegender Kleidung, Neugierde und Erfahrungsbereitschaft wird nämlich nichts benötigt. Auch kein formvollendetes Körpergefühl.

Mach mit und sag DANKE