Hier brodelte einst Papins Dampfkochtopf

Victor Deutsch Harry Soremski
GWG-Chef Peter Ley am Kasseler Steinweg, wo in Sichtweite das Haus am Marställer Platz rekonstruiert wird.

Den Schatz fand man durch Zufall: „Als wir im Vorfeld der Sanierung unserer Häuser am Steinweg im Stadtarchiv stöberten, stießen wir auf alte Abbildungen des Gebäudes am Marställer Platz 1“, berichtet GWG-Chef Peter Ley. Die prachtvolle Anmutung veranlasste ihn, für die ohnehin anstehende Sanierung des Hauses eine Rekonstruktion von Dach und Fassade nach historischem Vorbild zu prüfen. Schon für die Häuserzeile gegenüber des Regierungspräsidiums hatte man sich für eine aufwändige Sanierung entschieden. Schöner, als sie je gebaut, wohl aber geplant waren. Mit Fensterläden, erhabenen Hausnummern im Schlussstein der Türgewände, den typischen Balkonen und „Eingängen, die ihrem Namen gerecht werden und nicht nur Löcher im Haus sind“, wie Peter Ley berichtet. Er hat es sich als Verantwortlicher des Unternehmens, das 8.400 Wohnungen betreut, vorgenommen, „das historisch-architektonische Erbe unserer Stadt zu bewahren.“

Schon die vom Architekten Otto Haesler entworfene Siedlung am Rothenberg mit ihren Bauhaus-Einflüssen der 30er Jahre oder die 50er Jahre-Häuser „Graben“ gegenüber der Markthalle erstrahlen nun zur Freude von Architekturliebhabern in stilechter Architektur. Von einer Erbauung in den „goldenen“ 50er Jahren ging man zunächst auch am Marställer Platz aus. Der wahre Schatz unter dem Nachkriegs-Satteldach aber ist ein anderer: Das Haus Marställer Platz 1 ist bei seiner Erbauung im Jahr 1929 eine Kopie des benachbarten Gebäudes gewesen. Das als Vorlage benutzte barocke Eckhaus am Schlossplatz 17 war bereits um 1770 entstanden. Gemeinsam mit Marstall (Markthalle) und Renthof bildeten sie ein Ensemble. Eine prominente Adresse wohlgemerkt: „Einst lebte hier Dennis Papin“, fanden die Historiker heraus. Der Erfinder des Schnellkochtopfs erhielt 1696 eine Anstellung beim Landgrafen von Hessen-Kassel und arbeitete an den technischen Voraussetzungen für die Wasserkünste im Bergpark Wilhelmshöhe in Kassel. Später dann wurde das Gebäude errichtet, das dank der Hilfe, des mit historischem Bauen erfahrenen Architekten Professor Alexander Reichel, nun wieder aufersteht. Ein wichtiger Aspekt für GWG-Chef Peter Ley, denn das „alte“ Kassel ging in den Flammen der Bombennacht am 22. Oktober 1943 für immer verloren.

Opfer des Feuersturms war auch das barocke Original vom Marställer Platz. Nur sein Nachbau blieb in Teilen erhalten. Experten schätzen diesen dennoch als baugeschichtlich wertvoll. Denn nur ganz wenige von den Häusern aus den 20er und 30er Jahren stehen noch in Kassel. In der Nachkriegszeit wurde es als Polizeirevier, für Büros der Bundesgartenschau und später als Sitz des Jugendbildungswerks genutzt. Heute wird das Gebäude gewerblich vermietet und ist Sitz des GWG-Außenbüros Mitte. Weil beim Wiederaufbau der Dachstuhl des Hauses nicht wieder originalgetreu aufgebaut worden war, sehen die Planungen unter anderem die Rekonstruktion des historischen Zwerchgiebels und der Gauben vor. Für die Sanierung wird mit einer halben Million Euro kalkuliert. „Man kann sich auf ein weiteres Gebäude in Kassels Innenstadt freuen, das historisch interpretiert saniert wird“, freut sich GWG-Chef Ley.

Ein Teil altes Kassel erlebt unter Könnerhand seine Wiederauferstehung.