100 Jahre Bauhaus: Auf Spurensuche

Jens Thumser Harry Soremski
Bauhausarchitektur der Rothenbergsiedlung

In diesen Tagen ist das Bauhaus-Jubiläum in aller Munde. 100 Jahre wäre die einflussreiche Bildungsstätte im Bereich der Architektur, der Kunst und des Designs im 20. Jahrhundert in diesem Jahr geworden. Die Wirkung der Staatlichen Kunstschule reicht bis nach Nordhessen.

Aschrott-Altenheim

 

Seit 2003 ist die „weiße Stadt“ als Teil von Tel Aviv und Zeugnis der Bauhaus-Architektur Unesco-Weltkulturerbe, dutzende Variationen von Stahlrohrstühlen haben inzwischen die Möbelhäuser erobert und auch in der Geschichte der zeitgenössischen Kunst ist der Einfluss des Bauhaus nicht zu übersehen. Aber bei genauerem Hinsehen haben die Bereiche, in die die 1919 von Walter Gropius in Weimar gegründete Kunstschule hineinwirkt, auch viel mit unserer Region zu tun. Die Idee hinter dem Bauhaus-Gedanken – die Zusammenführung von Kunst und Handwerk – war revolutionär. Nach Ende des Ersten Weltkriegs wird Deutschland in Gesellschaft und Politik von einer Krise erfasst, die auch ästhetische Alltagsformen in ihren Grundfesten hinterfragt und dadurch Veränderungen provoziert. Im ersten Nachkriegsjahr 1919 entsteht nicht nur das Bauhaus in Weimar, sondern gleich nebenan im Theater berät die Nationalversammlung über die Weimarer Verfassung – und der Versailler Friedensvertrag spaltet die Gesellschaft.

Auch wenn die aktive Zeit des Bauhaus nur 14 Jahre andauerte, so sind die Wellen der damaligen Ideen und deren Umsetzungen bis heute spürbar und haben von ihrer Relevanz nichts eingebüßt. Reduktion in Form und Material, Konzentration auf das Wesentliche, Schnörkellosigkeit und Funktionalität – das sind die wichtigsten Merkmale. Besonders deutlich werden diese Gestaltungsgrundsätze im Möbeldesign der Bauhaus-Werkstätten und deren Form- und Werkmeister. Sie haben mit ihren Entwürfen und den Materialkombinationen eine ganze Epoche begründet.

Der Freischwinger S 32, der Stams kubisch strenge Formensprache in Anlehnung an die Thonet-Tradition weiterentwickelt: Mit Sitz und Lehne aus Bugholz, bezogen mit Wiener Geflecht.

Heute sind die Objekte aus ihrer Feder gefragter denn je. Und die Fertigung? Als seinerzeit innovative Hersteller gesucht wurden, bot sich der nordhessische Möbelhersteller Thonet förmlich an. Mit damals schon einhundertjähriger Erfahrung, vor allem in der Herstellung von Bugholz-Möbeln, waren die Frankenberger erste Wahl für neues Denken und neues Fertigen. So entstand ein neuer Möbeltypus, dessen bedeutendste Entwürfe noch heute von Thonet hergestellt werden. Als Pioniere der Entwicklung gelten der Ungar Marcel Breuer, der als erster aus Stahlrohr Wohnmöbel entwarf, der Holländer Mart Stam, der den ersten hinterbeinlosen Stuhl schuf, und der Deutsche Ludwig Mies van der Rohe, der diesen Kragstuhl zu einem ästhetischen Objekt entwickelte, das beim Sitzen schwingend nachgibt: den Freischwinger. Kaum ein Arzt-Wartezimmer, in dem gerade diese Variante des Stahlrohrstuhls nicht vorkommt. Es ist der Freischwinger S 32, der Stams kubisch strenge Formensprache in Anlehnung an die Thonet-Tradition weiterentwickelt: Mit Sitz und Lehne aus Bugholz, bezogen mit Wiener Geflecht. Dem Stahlrohrfreischwinger verhilft diese Verbindung von vertrauten mit neuen Materialien schließlich zum Durchbruch. Bis heute ist es das bestverkaufte Stahlrohrmöbel – aus nordhessischer Fabrikation!

Die Kunsthochschule in der Menzelstraße

Typische Merkmale der Bauhaus-Idee in der Architektur sind vor allem die formgebende Kombination von Stahl und Beton (besonders die Stahlskelettbauweise) und die kühnen, rationalen und funktionalen Entwürfe. Besonders augenfällig wird dieser Stil in Kassel durch die Kunsthochschule. Das Gebäude-Ensemble wird von einer außen liegenden Stahlkonstruktion getragen und ist damit Zeugnis dieser besonderen Architektur. Und die Verwandtschaft zum Bauhaus spiegelt sich hier nicht nur äußerlich wider. Die Kunsthochschule setzt darüber hinaus durch die Einrichtung disziplinenübergreifender Werkstätten die Traditionen des Bauhauses fort, handwerkliche und künstlerische Kompetenzen konstruktiv miteinander zu verbinden. Aber es galt in der unmittelbaren Nachkriegszeit auch dringliche, städtebauliche Aufgaben zu bewältigen.

Bauhausarchitektur der Rothenbergsiedlung

Es herrschte Wohnungsnot und effektive Lösungen waren gefragt. Beeinflusst von Bauhaus-Gründer Gropius war es der deutsche Architekt Otto Haesler, der sich mit der Rothenbergsiedlung in Kassel des Problems annahm. In einer 1932 in New York erschienen Dokumentation („Der internationale Stil, Architektur seit 1922“) wurde die Rothenbergsiedlung als eines der bedeutendsten Bauwerke des Bauhaus-Stils gewürdigt. Hervorzuheben ist hier Haeslers Markenzeichen, das auch in der Siedlung Georgsgarten in Celle in dieser Größenordnung noch erhalten ist: Das dreiseitig verglaste Treppenhaus.
Haesler bebaute den Rothenberg zwischen 1929 und 1931 im Auftrag der damaligen „Städtische Wohnungsfürsorgegesellschaft Kassel“ – heute Gemeinnützige Wohnungsbaugesellschaft Kassel GWG. Geplant wurde die Zeilenbausiedlung mit viergeschossigen Mehrfamilienhäusern und zentralem Heiz-, Wasch- und Badehaus mit über 2500 Wohnungen. Bedingt durch die Wirtschaftskrise und der politischen Entwicklung konnten nur 216 Wohnungen fertig gestellt werden. Dennoch resümmierte der damalige Kasseler Oberbaurat Jobst seinerzeit: „So kann zusammenfassend als erwiesen hingestellt werden, dass dem Architekten geglückt ist, die Baukosten zu senken und trotzdem eine verbesserte Wohnform zu schaffen.“ Heasler hat aber noch an ganz anderer Stelle ein Zeugnis der Bauhaus-Architektur in Kassel verwirklicht.
Haesler gewann übrigens die Beauftragung für diese zwei viergeschossigen Bebauungen als Wettbewerbssieger gegen prominente Konkurrenz wie Gropius. Das 1932 eröffnete Aschrottheim war ausgerichtet als Ruhesitz für gebildete, ältere Witwen und befindet sich am Ende der Friedrich-Ebert-Straße. Besagter Kasseler Oberbaurat Jobst spielt in Bezug auf Bauhaus-Architektur in Kassel im übrigen noch eine weitere Rolle. Er entwarf als Achitekt gemeinsam mit Magistratsbaurat Ernst Rothe das Hallenbad Ost an der Leipziger Straße. Erbaut zwischen 1929 und 1930 entstand hier die erste „Wannenabteilung“ in Kassel – eine klassische Badeanstalt. Doch seit 2007 steht das älteste Hallenbad Kassels leer. Zuletzt fiel die Immobilie eher durch Vandalismus-Schäden auf. Nach einigen mehr oder minder gelungenen Teil-Sanierungen unter dem ursprünglichen Nutzungsgedanken erwarben im vergangenen Jahr die Architekten und Diplom-Ingenieure Kevian Karampour, Thomas Meyer und Marc Köhler das komplette Ensemble und legten erfolgreich ein neues Nutzungskonzept aus Büro- und Arztpraxisflächen vor – unter Beibehaltung der Raumzuschnitte und gekonnter Weiterentwicklung des besonderen Baustils. Die drei Experten nehmen sich nicht nur der Bausubstanz mit großem Herzblut an und legen besonderen Wert darauf, die Sanierungssünden früherer Jahre zurückzuführen und dem Gebäude wieder den gebotenen Charakter zu geben. Eine spannende Herausforderung.

„Die Liebe zur alten Kunst darf niemals größer sein, als die zur neuen“, riet Haesler und fasst damit zusammen, was sicher auch Arnold Bode bewegte. Entstanden als Reaktionen auf die Krisen im Nachkriegsdeutschland ist den Visionen von Bauhaus und documenta gemein, dass beide eine positive Veränderung des gesellschaftlichen Miteinanders anstrebten. Beide Institutionen sind sozusagen Seelenverwandte. Anlässlich des einhundertjährigen Bauhaus-Jubiläums setzt eine Sonderausstellung des documenta Archivs und der Universität Kassel in Kooperation mit der Museumslandschaft Hessen Kassel das Bauhaus und die documenta als etablierte Kulturmarken zueinander in Beziehung. Unter dem Namen „Bauhaus & documenta:
Vision und Marke“ betrachtet die Schau vom 24. Mai bis 8. September wechselseitig ihre Ideen, Ideale und Visionen. Ein Parcours aus Themenfeldern diskutiert verschiedene Fragestellungen, arbeitet Gemeinsamkeiten und Unterschiede heraus und zeigt in sieben Themenräumen anhand von Installationen und dokumentarischen Objekten die Entstehung beider Institutionen bis hin zur ihrer aktuellen Bedeutung. Beide Marken stehen bis heute für die
emanzipative Kraft von Kunst und Kultur – besonders in Kassel.